Perspektiven

Management in der Pflicht

Unternehmen, die ein zertifiziertes Arbeitsschutzmanagement einführen, sorgen nicht nur zuverlässig für das Wohl ihrer Mitarbeiter, sie können sich auch einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Dafür gibt es jetzt eine neue Norm.

Arbeitsschutz

ust another manic Monday“ – so wie einst die 80er-Jahre-Girlsband The Bangles können auch Arbeitgeber und Berufsgenossenschaften ein Lied singen vom „verrückten Montag“. Denn zum Wochenstart passieren regelmäßig die meisten Arbeitsunfälle. Nach einem entspannten Wochenende scheint vielen zunächst noch die nötige Konzentration zu fehlen. Möglicherweise hauen die Mitarbeiter aber auch frisch ausgeruht ordentlich einen Schlag rein – und dabei auch mal den Hammer auf den Finger statt den Nagel in die Wand.

 

Arbeitsunfälle auf Allzeittief, aber …

Laut der Jahresbilanz der gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) lag die Zahl der meldepflichtigen Arbeitsunfälle, die eine Arbeitsunfähigkeit von drei oder mehr Tagen oder den Tod zur Folge hatten, 2017 bei rund 870.000. Das Risiko, bei der Arbeit einen Unfall zu erleiden, war damit so niedrig wie nie zuvor. Bei den häufigsten Berufskrankheiten waren die Zahlen im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls leicht rückläufig. Heller Hautkrebs, die dritthäufigste Berufskrankheit, bildete mit einem Anstieg um 165 Fälle hier die Ausnahme.

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Arbeitsunfälle 2017: Rückgang über alle Branchen

Das Risiko, bei der Arbeit einen meldepflichtigen Unfall zu erleiden, lag im vergangenen Jahr so niedrig wie nie zuvor. Lediglich im Handel gab es eine leichte Zunahme der Unfallzahlen. Bei den Berufskrankheiten hat die Zahl der Fälle von arbeitsbedingtem Hautkrebs zugenommen.

Infografik: Rückgang der Arbeitsunfälle in 2017

Quelle: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung

Arbeitsschutz bleibt weiter wichtig

„Die Entwicklung zeigt, dass Fortschritte möglich sind“, kommentiert DGUV-Hauptgeschäftsführer Dr. Joachim Breuer die positive Unfallbilanz. Dennoch ist jeder Arbeitsunfall einer zu viel. Um weitere Verbesserungen zu erreichen, sei es nötig, Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit als Querschnittsthema in den Betrieben zu verankern, so Breuer. In diesem Zusammenhang startete vor einem Jahr unter dem Namen „kommmitmensch“ eine neue gemeinsame Präventionskampagne der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen sowie der DGUV.

 

Nicht nur für die Versicherer ist die Vermeidung von Arbeitsunfällen auch eine Kostenfrage: Jeder Arbeitsunfall, der zu Ausfallzeiten führt, senkt die Produktivität im Unternehmen und schmälert die Motivation der betroffenen Mitarbeiter und ihrer Kollegen. Wer setzt schon gerne freiwillig für die Arbeit die Gesundheit aufs Spiel?!

Dr. Joachim Breuer, Hauptgeschäftsführer Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung

„Von Investitionen in die Prävention profitieren die Betriebe direkt – durch verringerte Ausfallzeiten, gestiegene Produktivität und motivierte Mitarbeiter.“

Dr. Joachim Breuer,

Hauptgeschäftsführer Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV)

ISO 45001 setzt neue Standards

Eine systematische Möglichkeit, Arbeitsunfällen und Berufserkrankungen der Mitarbeiter vorzubeugen, ist die Einführung eines zertifizierten Arbeitsschutzmanagementsystems. Die Zertifizierung bedeutet, alle Arbeitsabläufe genau zu beschreiben und sich an die vordefinierten Prozesse zu halten. Im Frühjahr 2018 wurde dafür die neue, erstmals weltweit geltende Norm ISO 45001 veröffentlicht. Sie ersetzt den alten britischen Standard OHSAS 18001 und beinhaltet eine Vielzahl von Maßnahmen für den modernen Arbeitsschutz.

 

Unternehmen, die bereits nach dem alten Standard zertifiziert sind, haben bis März 2021 Zeit, ihr System Schritt für Schritt den neuen Vorgaben anzupassen. Alternativ können sie eine Erstzertifizierung nach der neuen Norm vornehmen lassen.

 

Ein nach ISO 45001 zertifiziertes Arbeitsschutzmanagementsystem strukturiert die Arbeitssicherheits- und Gesundheitsschutzmaßnahmen im Unternehmen nach festen Regeln. Das hilft nicht nur dabei, die Anzahl der Arbeitsunfälle zu reduzieren, sondern auch die gesetzlichen und behördlichen Auflagen zweifelsfrei zu erfüllen. Gesetzlich verpflichtend ist diese ISO-Norm zwar nicht, doch ereignet sich tatsächlich ein Betriebsunfall, ist ein zertifiziertes Unternehmen auf der sicheren Seite, wenn Haftungsfragen juristisch geklärt werden müssen.

 

Arbeitsschutz ist ab sofort Chefsache

Die neue Norm hebt erstmals auch die Verantwortung des Top-Managements hervor (siehe auch Interview unten). Wie das ganz praktisch aussehen kann, sagt die DGUV:

Sicher führen

  • 5 Maßnahmen für einen wirksamen Arbeitsschutz

    1. Die Unternehmensleitung sollte ihren Beschäftigten zeigen, dass ihre Sicherheit und Gesundheit einen hohen Stellenwert besitzen, und Leitlinien dafür im Wertekodex oder den Führungsrichtlinien fixieren.
    2. Sichere Arbeitsgestaltung und gesundheitserhaltendes Verhalten müssen selbstverständliche Ziele sein. Qualitäts- oder Deckungsbeitragsziele dürfen sich nicht auf Kosten der Gesundheit durchsetzen.
    3. Führungspersonen sollten nicht nur fachliche Kompetenz besitzen. Wer sich selbst gesund führen kann, ist produktiver und glaubwürdiger.
    4. Sich mit den Bedürfnissen der Mitarbeiter auseinanderzusetzen, benötigt Raum und Zeit und gehört zur Arbeit. Führungskräfte sollten dafür qualifiziert oder gecoacht werden.
    5. Gesunde und sichere Führung will gelernt sein. Unterstützung gibt es vom Betriebsarzt der Unfallkasse oder der Berufsgenossenschaft.

Zudem betrachtet das Managementsystem die komplette Wertschöpfungskette, also auch die Arbeitsbedingungen von Fremdfirmen und ausgelagerten Prozessen. „Das zu zertifizierende Unternehmen muss nachweisen, wie die Arbeitssicherheit zum Beispiel bei Lohndienstleistern oder Fremdfirmen gewährleistet und praktiziert wird. Das bedeutet für den Umgang mit nicht zertifizierten Betrieben, dass sie mindestens die Einhaltung der gesetzlichen Pflichten des jeweiligen Landes nachweisen müssen“, sagt Arbeitsschutzexperte Prof. Carsten Hufenbach von der TÜV NORD Akademie.

 

Ein Beispiel: Der Besitzer eines Tanklagers muss, will er entsprechend zertifiziert werden, auch den für die das Lager umgebende Grünfläche zuständigen Gartenbetrieb in den Arbeitsschutz einweisen und einen Anforderungskatalog für dessen Aufgaben formulieren. Das bedeutet zunächst viel Arbeit, zahlt sich aber aus, wenn es zu Unfällen kommt. Ist etwa ein Rauchverbot festgeschrieben und ein rauchender Gärtner verursacht einen Brand, ist die Haftung unstrittig.

 

Die Einführung eines nach ISO 45001 zertifizierten Systems kann also auch sinnvoll für Unternehmen sein, die als Zulieferer oder Subunternehmer Teil der Wertschöpfungskette eines internationalen Konzerns sind. Denn sie können damit gegenüber Kunden oder Auftraggebern nachweisen, dass sie Risiken und Chancen im Arbeits- und Gesundheitsschutz zuverlässig ermitteln und Maßnahmen wirksam umsetzen, und erhalten damit möglicherweise einen wichtigen Wettbewerbsvorteil.

 

Verbesserte Kontrolle

Im Rahmen der neuen Norm sollen Unternehmen einmal jährlich in einem Audit von einem akkreditierten Zertifizierer überprüft werden. Dafür kommen beispielsweise die Technischen Überwachungsvereine (TÜV), die Berufsgenossenschaften, die Dekra oder Gewerbeaufsichtsämter infrage. Neu ist auch, dass Mitarbeiter stärker am Zertifizierungsprozess beteiligt werden. Um sich mit den Vorgaben der Norm vertraut zu machen, können Verantwortliche die Fragenkataloge für das Audit für rund 100 Euro erwerben.

Interview

Jürgen Wartmann, Fachkoordinator Arbeitsschutzmanagementsysteme, DEKRA Certification, Stuttgart

„Je größer und internationaler ein Unternehmen ist, desto wichtiger ist die Zertifizierung.“

Jürgen Wartmann,

Fachkoordinator Arbeitsschutzmanagementsysteme, DEKRA Certification, Stuttgart

  • Interview lesen

    Perspektiven: Wozu müssen Unternehmen bereit sein, wenn sie sich nach der neuen Arbeitsschutzrichtlinie zertifizieren lassen?

     

    Jürgen Wartmann: Die neue ISO-Norm hilft, den Arbeitsschutz besser in die Organisation zu integrieren. Damit steigen allerdings auch die Anforderungen an die Führungsebene. Sie muss künftig nachweisen, dass sie sich aktiv am Arbeits- und Gesundheitsschutz beteiligt. Ein weiterer Schwerpunkt ist, unsichere Situationen zu erfassen und auszuwerten. Die Organisation muss Maßnahmen in ihre Prozesse integrieren, sie implementieren und ihre Wirksamkeit regelmäßig bewerten, um Unfälle abzuwenden. Das gilt für alle Betriebsbereiche. Geeignete Mittel sind, Mitarbeiter zu schulen und ihnen Arbeitsmittel auf dem neuesten Stand der Technik zur Verfügung zu stellen. Am Ende steht aber immer die Kontrolle.

     

    Perspektiven: Braucht jedes Unternehmen die ISO 45001?

     

    Jürgen Wartmann: Je größer und internationaler ein Unternehmen aufgestellt ist, desto wichtiger ist diese Zertifizierung. Sie gilt schließlich auch für alle Fremddienstleister wie Subunternehmer. Viele Firmen sind bereits nach der Vorgänger-richtlinie OHSAS zertifiziert. Mit der ISO 45001 ist aber zum ersten Mal ein weltweit gültiger Standard geschaffen worden. Wer diese Norm bereits erfüllt und ein Arbeitsschutzmanagement besitzt, kann die neuen Bestimmungen deutlich leichter erreichen, aber mit einem halben Jahr Vorbereitung sollte man schon rechnen.

     

    Perspektiven: Worin liegt der Hauptvorteil für Unternehmen?

     

    Jürgen Wartmann: Gesunde und motivierte Mitarbeiter zu besitzen. Gerade bei komplexen maschinellen Produktionsprozessen ist ein Ausfalltag eines spezialisierten Mitarbeiters mit hohen Kosten verbunden. Die finanziellen Vorteile für das Unternehmen liegen also auf der Hand. Dennoch geht es vor allem um die Ziele, die sich ein Unternehmen auferlegt, um seine Kultur zu stärken. Führungskräfte können zum Beispiel an den regelmäßig stattfindenden Betriebsbegehungen teilnehmen. So zeigen sie Interesse und leben die veränderte Unternehmenskultur vor.

  • Bildnachweise

    Aufmacher: iStockphoto / gorodenkoff; Fotos: Wolfgang Bellwinkel / DGUV, privat

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