Perspektiven

Im Flow zu mehr Erfolg

Läufer, die im sogenannten Flow sind, scheinen leistungsfähiger und glücklicher als andere zu sein. Diese Erkenntnis können nicht nur Extrem-sportler für sich nutzen, sondern auch Führungskräfte in Unternehmen.

Managementpsychologie

nadenlos geht es immer weiter, abwechselnd über messerscharfes Geröll, durch tiefen Sand, über Felsen und den knallharten Boden des chilenischen Hochlands. Bei jedem Atemzug in der dünnen Luft brennt die Lunge, hier am trockensten Ort der Erde. Auch die Füße schmerzen schon längst – und der Rücken. Denn das „Atacama Crossing“, ein Ultramarathon durch die chilenische Atacama-Wüste, ist ein Selbstversorgerlauf. Das heißt, die Teilnehmer müssen ihre rund zehn Kilogramm schwere Pflichtausrüstung – Schlafsack, Isomatte, Wechselbekleidung, Erste-Hilfe-Set, Verpflegung, Stirnlampe und sonstiges Equipment – in einem Rucksack mitschleppen. Hinzu kommen die zwei bis drei Liter Wasser, das im Abstand von etwa 15 Kilometern an den Versorgungsstationen ausgegeben wird.

 

Sechs Marathonläufe in sechs Tagen

Wer das „Atacama Crossing“ erfolgreich überstehen will, muss mehr sein als nur ein top trainierter Athlet: Er muss Ressourcen mobilisieren können, die über reine Muskelkraft weit hinausgehen. „Als ich mich für das Rennen anmeldete, erklärten mich viele für verrückt“, sagt der Sport- und Managementpsychologe Michele Ufer. Und auch ihm selbst kamen durchaus Zweifel: Denn bei dem Ultralauf müssen in insgesamt sechs Tagesetappen 250 Kilometer bewältigt werden – das sind sechs Marathonläufe hintereinander, in unwegsamem Gelände auf einer Höhe von 2.500 bis 3.500 Metern über dem Meeresspiegel.

 

Hinzu kam: Die längste Strecke, die Ufer bis zu seiner Anmeldung für das „Atacama Crossing“ im Jahr 2011 jemals an einem Stück gelaufen war, betrug gerade einmal 29 Kilometer – und zwar unter den im Vergleich zur chilenischen Wüste extrem kuscheligen Bedingungen seiner Heimatstadt Herdecke in Nordrhein-Westfalen.

 

Was Manager von Extremsportlern lernen können

Ufers Start beim „Atacama-Crossing“ ist Beginn eines tollkühnen Eigenexperiments, das ihm als Grundgerüst seiner Doktorarbeit im Fach Sportpsychologie dienen soll. Das Thema: „Die Entstehung und Auswirkung des Flow-Erlebens beim Laufen, insbesondere bei extremen Ultramarathonläufen“. Ufer interessiert, welche Einflussmöglichkeiten und Effekte die Psyche auf den Körper besitzt. Und er möchte klären, welche Chancen mentales Training bietet, um anscheinend unüberwindbare Hindernisse am Ende doch erfolgreich und (relativ) mühelos zu meistern. Die beim Extremsport gewonnenen Erkenntnisse, so Ufers Annahme, müssten sich auch auf andere Lebensbereiche übertragen lassen und zum Beispiel zu mehr Glück und Erfolg im Geschäftsleben führen können.

 

Auf der Suche nach dem Flow

Ufers Ziel für das „Atacama Crossing“ hieß nach nur drei Monaten Vorbereitung eigentlich ganz bescheiden: Hauptsache ankommen, irgendwie. „Doch vor Ort entwickelte sich dann alles ganz anders – und zwar besser, viel besser sogar“, erinnert sich Ufer. Zur Überraschung aller, inklusive seiner selbst, läuft er schon am dritten Tag des Rennens in die Top-Ten-Wertung. „Am Ende wurde ich Siebter von 111 gestarteten Läufern, obwohl ich als Anfänger natürlich ein paar haarsträubende Fehler gemacht habe“, erinnert sich Ufer noch immer ein wenig stolz an seine Ultramarathon-Premiere.

 

Zum Erfolg haben ihn der intelligente Einsatz von Mentaltraining und Sporthypnose während der Vorbereitung, aber auch seine mentalen Übungen während des Laufens geführt, da ist sich Michele Ufer sicher. Gleich beim ersten Mal hat er es geschafft, den Flow zu aktivieren.

 

Die Faszination Flow hat Ufer seitdem nicht mehr losgelassen. Sechs Jahre und zahlreiche weitere Extrem-läufe (unter anderem durch die Kalahari-Wüste, den Amazonas-Regenwald oder entlang des winterlichen Polarkreises) sowie mehr als 800 Interviews mit anderen Ultraläufern später konnte der heutige Sportpsychologe, Mentalcoach und Managementtrainer Ufer seine Doktorarbeit vorlegen, aus der jetzt ein populärwissenschaftliches Buch entstanden ist („Flow-Jäger – Motivation, Erfolg und Zufriedenheit beim Laufen“, Delius Klasing-Verlag, 160 Seiten, 24,90 Euro).

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Erschienen in Ausgabe 2017-4

10 Ultramarathons rund um die Welt

Mit dem Flow erfolgreicher managen

Ufers Buch ist nicht nur ein fundierter Ratgeber für Extremsportler. Denn auch die wachsenden Ansprüche und Herausforderungen der Arbeitswelt können mit dem Flow besser gemeistert werden (siehe auch Interview unten.)

 

Doch was genau ist der Flow eigentlich? „Ein Gefühl der Selbstvergessenheit. Ein auf eine Aufgabe hochfokussierter mentaler Zustand, bei dem ein Mensch völlig in seiner Tätigkeit aufgeht, mit ihr verschmelzt, Irrelevantes komplett ausblendet und die Dinge geradezu anstrengungsfrei wie von allein zu funktionieren scheinen“, sagt Michele Ufer.

 

Die zentrale Voraussetzung für das Entstehen des Flows ist gemäß einer Theorie, die bereits Mitte der 1970er-Jahre vom amerikanischen Psychologen Mihály Csíkszentmihályi entwickelt wurde, „die optimale Symbiose von situativen Anforderungen und persönlichen Fähigkeiten“. Michele Ufer hat daraus praktikable Strategien entwickelt, die sich auch für Herausforderungen außerhalb des Laufsports ein-setzen und vor allem trainieren lassen. „Fokussieren Sie sich konsequent auf das, was Sie zukünftig erreichen wollen – und nicht auf das, was Sie nicht mehr wollen“, rät der Coach beispielsweise zum Einstieg. Wann immer man sich dabei ertappt, sogenannte „Weg von“-Ziele, -Ratschläge oder
-Instruktionen zu formulieren, solle man seine Kommunikation mit sich selbst oder anderen stoppen. „Ändern Sie Ihre Laufrichtung, hin zu den Zielen‘“, lautet Ufers Rat. Ein Satz wie „Ich will weniger Stress im Job haben“ sei wenig hilfreich. Wenn man sich aber die Frage stelle, was man stattdessen will, dann könne man ein konkretes Ziel formulieren, etwa „Ich will bei wichtigen Meetings ruhig und gelassen auftreten“ oder „Ich möchte mich selbstbewusst und voller positiver Energie fühlen“.

 

Dabei, diese Ziele im richtigen Moment abzurufen und so in den richtigen Flow zu kommen, könne eine Auswahl von Gefühlen, inneren Bildern und Monologen helfen. Ufer bezeichnet diese als „Sets“, die er mental und körperlich so verankert habe, dass sie entweder gleich unbewusst oder bewusst und wie auf Knopfdruck in bestimmten Situationen aktiviert werden, um dann ihre positive Wirkung zu entfalten.

 

„Solche Auslöser können auch Reize wie der Startschuss, das Schnüren der Schuhe oder bloß das Aufsetzen eines Fußes sein“, sagt Ufer. Womit wir dann wieder beim Thema Laufen wären. Aber schließlich, so Ufer, sei das ganze Leben nichts anderes als eine Art Ultramarathon. Und das ist alles andere als negativ gemeint.

Interview

Portrait Michele Ufer

„Je mehr Flow-Momente wir im Job erleben, desto mehr können wir unsere allgemeine Lebenszufriedenheit erhöhen.“

Dr. Michele Ufer,
Sport- und Managementpsychologe

  • Interview lesen

    Perspektiven: Warum ist mentales Training für Sportler auf Führungskräfte in der Wirtschaft übertragbar?

     

    Dr. Michele Ufer: Weil auch sie unter meist hohem Leistungs- und Erwartungsdruck „liefern“ müssen. Es ist relativ egal, ob ich ein Fußballspiel gewinnen oder eine Software entwickeln und mich damit gegen die Konkurrenz durchsetzen will. Letztlich geht es immer um die Frage, wie wir unsere Potenziale bestmöglich abrufen können, um unsere Ziele zu erreichen und manchmal auch über uns hinauswachsen zu können. Erfolg ist immer auch Kopfsache, doch mentale Eigenschaften sind in der Regel nicht gegeben – aber wir können unseren Gehirnmuskel trainieren und weiterentwickeln.

     

    Perspektiven: Wenn ein Läufer sich im Flow befindet und sich dadurch leistungsfähiger, erfolgreicher und glücklicher fühlt, erscheint das nachvollziehbar. Aber was kann der Flow bei Menschen bewirken, die am Schreibtisch arbeiten oder in Meetings präsentieren müssen?

     

    Dr. Michele Ufer: Ich habe gerade erst mit einer Dame gesprochen, die als Führungskraft in einem weltweit führenden Beratungsunternehmen arbeitet: Wenn sie in den Flow kommt, bewältigt sie ihre Aufgaben viel effektiver. Dann arbeitet sie am Schreibtisch in einem Zustand der konzentrierten Gelassenheit sozusagen „richtig viel weg“, hat alles unter Kontrolle. Die Zeit vergeht wie im Flug und im Nachhinein ist sie natürlich zufrieden, wenn sie knifflige Probleme oder aber auch weniger knifflige, dafür jedoch sehr umfangreiche Aufgaben mit einer gewissen Leichtigkeit bewältigt hat. Das gilt im Prinzip auch für das gelungene Leiten von Meetings. Solche Flow-Erfahrungen motivieren für zukünftige Herausforderungen – und je öfter wir solche Momente erleben, desto mehr können wir unsere allgemeine Lebens-zufriedenheit erhöhen.

     

    Perspektiven: Welchen Einfluss hat die körperliche Fitness auf die Effizienz unserer Arbeit?

     

    Dr. Michele Ufer: Wer körperlich fit ist, fällt seltener krankheitsbedingt aus, ist stressresistenter und auch geistig leistungsfähiger. Ob sportliche Manager per se die besseren Führungskräfte sind, kann ich nicht pauschal beantworten. Da müssten wir mal etwas genauer hinschauen – wie die Kandidaten ihren Sport ausüben, wie sie sich selbst Ziele setzen und sich und andere motivieren; wie sie mit persönlichen Herausforderungen, Rückschlägen und vor allem mit anderen Menschen umgehen, Stichwort Sozialkompetenz.

     

    Perspektiven: Was ist notwendig, um „in den Flow“ zu kommen?

     

    Dr. Michele Ufer: Um dafür nur einige Aspekte in Stichworten zu nennen: Eine möglichst gelungene Mixtur aus herausfordernden Aufgaben und den dazu passenden persönlichen Fähigkeiten, um eine Über- bzw. Unterforderung zu vermeiden. Andernfalls können negativer Stress oder Langeweile entstehen. Klar formulierte Ziele, ein Bewusstsein für den Sinn und die Bedeutung von Aufgaben, ein regelmäßiges Feedback, die Fähigkeit zur optimalen Energetisierung (passgenaue Balance zwischen Aktivierung und Entspannung), regelmäßige Pausen, soziale Unterstützung, Er-folgsorientierung statt Misserfolgsvermeidung, Selbstvertrauen bzw. Selbstwirksamkeit – das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, um Herausforderungen meistern zu können – sowie die Reduktion von Ablenkung und das Erzeugen von Vorbildern: Das alles hilft, um in den Flow zu kommen, und viele dieser genannten Aspekte können wir durch mentales Training optimieren.

     

    Perspektiven: Kann der Flow-Zustand unter Umständen auch negative Auswirkungen haben?

     

    Dr. Michele Ufer: Aufgrund des engen Fokus werden eventuell wichtige Kontextinformationen nicht wahrgenommen. Das intensive Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben, kann zur Selbstüberschätzung und einer getrübten Risikoeinschätzung führen. Außerdem besitzt der Flow eine hohe „Verstärkerqualität“ und birgt damit auch ein gewisses Suchtpotenzial: Flow fühlt sich gut an, also will man immer mehr davon. Das ist im Sport, beim Internetsurfen und Motorradfahren wissenschaftlich ziemlich gut dokumentiert – doch für die Arbeitswelt fehlen zurzeit noch entsprechende Studien.

  • Bildnachweise

    Aufmacher-Video: iStockphoto (cautionfilm, gorodenkoff), Montage HMC; Foto: Michele Ufer

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