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Perspektiven

19/04

Lesedauer: 6 Minuten

Betriebsführung

Forderungen richtig managen in der Krise

Die Zahl der Unternehmenspleiten dürfte 2021 wieder steigen. Umso wichtiger ist ein durchdachtes Forderungsmanagement.

Seit dem 1. Mai müssen wieder alle Kapitalgesellschaften, die ihre Zahlungsverpflichtungen in absehbarer Zeit nicht bedienen können, innerhalb von drei Wochen Antrag auf Insolvenz beim zuständigen Amtsgericht einreichen. Die Bundesregierung hatte die Insolvenzantragspflicht Ende März 2020 aufgrund der Coronavirus-Pandemie bis zum 30. September 2020 ausgesetzt. Für überschuldete Firmen wurde die Ausnahmeregelung bis zum 30. April 2021 verlängert. Als überschuldet gilt ein Unternehmen, wenn sein Vermögen nicht ausreicht, um seine Verbindlichkeiten zu decken.

 

Die Ausnahmeregelung hat offensichtlich Wirkung gezeigt: Die Amtsgerichte meldeten dem Statistischen Bundesamt 2020 15.841 Unternehmensinsolvenzen – 15,5 Prozent weniger als im Vorjahr. Das ist der niedrigste Stand seit Einführung der Insolvenzordnung im Jahr 1999. Die privaten Banken in Deutschland rechnen zwar für 2021 nicht mit einer riesigen Pleitewelle. Es sei aber klar, dass die Unternehmensinsolvenzen zunehmen werden, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB), Christian Ossig. Der Verband rechnet mit 24.000 Firmenpleiten in diesem Jahr.

 

Forderungsausfälle in Sicht

Auch Unternehmen, die bislang glimpflich durch die Krise gekommen sind, könnten durch eine Zunahme von Insolvenzen verstärkt in Mitleidenschaft gezogen werden. Das gilt insbesondere dann, wenn sich der Unternehmenserfolg im Wesentlichen auf Kunden aus Branchen stützt, die von der Krise besonders stark betroffen sind. Neben dem stationären Handel, der Gastronomie, dem Tourismus und der Veranstaltungsbranche sieht das DIW hier die Bereiche Logistik und Unternehmensdienstleistungen als besonders gefährdet an.

 

Bei der Insolvenz eines Kunden, muss sich der Lieferant in den meisten Fällen mit einem Bruchteil seiner Forderungen begnügen. Wird mangels Masse erst gar kein Insolvenzverfahren eröffnet, müssen die Außenstände in der Regel abgeschrieben werden. Auch bei einer außergerichtlichen Einigung vor der Zahlungsunfähigkeit ist in der Regel zumindest ein Teil der Forderung verloren.

 

10 Tipps für das Forderungsmanagement

Unternehmen müssen sich also für 2021 und möglicherweise auch darüber hinaus vermehrt auf Forderungsausfälle einstellen. Unsere Tipps helfen dabei, sich auf den Worst Case vorzubereiten.

  • 1. Rechnungswesen digitalisieren

    Gerade wenn vermehrt verspätete Zahlungseingänge und Zahlungsausfälle zu erwarten sind, ist es wichtig, den Überblick zu behalten. Dabei hilft die Digitalisierung des Rechnungswesens. Für Freiberufler und Kleinstunternehmen reichen häufig schon entsprechende Apps für den Tablet-PC oder das Smartphone aus. Im Postbank Business Giro Konto etwa ist die Anwendung Postbank Business Assistent enthalten, mit der sich in wenigen Klicks professionelle Angebote und Rechnungen erstellen und per E-Mail versenden lassen. Mithilfe vorgefertigter Mahnungen können Kunden auf ausstehende Zahlungen hingewiesen werden. Für wachsende Betriebe kommen auch abobasierte Cloudlösungen infrage, die sich je nach Bedarf modular erweitern lassen.

  • 2. Digitale Bezahlmethoden implementieren

    Online-Bezahlverfahren wie paydirekt, PayPal, oder giropay bieten Händlern eine Zahlungsgarantie und schlanke Prozesse für die Rückabwicklung von Zahlungen. Vorteil bei paydirekt: Die Verarbeitung aller Daten erfolgt ausschließlich in deutschen Rechenzentren.

  • 3. Zahlungseingänge regelmäßig kontrollieren

    Bei Zahlungsausfällen von Kunden sollte sofort reagiert werden. Bei guten Kunden hilft häufig schon ein Gespräch. Nach wiederholter erfolgloser Zahlungsaufforderung muss ein Mahnbescheid beantragt werden. Bei schwierigen Fällen kann ein Inkasso-Unternehmen hinzugezogen werden. Seriöse Dienstleister gibt es beim Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen.

  • 4. Vorschuss aushandeln

    Für den Einkauf von Arbeitsmaterial vor der Aufnahme der Arbeiten kann mit dem Kunden ein Vorschuss ausgehandelt werden; ein Drittel der zu erwartenden Rechnungssumme ist üblich.

  • 5. Abschlagszahlungen vereinbaren

    Unternehmen, die Waren in Etappen liefern oder Dienstleistungen nach und nach ausführen, können Abschlagszahlungen vereinbaren. Das erhöht nicht nur die Liquidität, sondern sorgt für den Fall der Pleite des Kunden auch dafür, dass erbrachte Leistungen bereits vergütet wurden.

  • 6. Eigentumsvorbehalt geltend machen

    Bereits gelieferte Waren können bis zur vollständigen Bezahlung Eigentum des Lieferanten bleiben. Im B2B-Bereich wird das durch einen sogenannten Eigentumsvorbehalt mit Verarbeitungsklausel abgesichert. Ein Vorteil: Sollte der Kunde Insolvenz anmelden, gehört diese Ware nicht zur Insolvenzmasse.

  • 7. Kreditrahmen erhöhen

    In Vorausschau auf mögliche Forderungsausfälle kann es sich empfehlen, rechtzeitig mit der Bank einen größeren Rahmen beim Kontokorrentkredit auszuhandeln. Das erhöht auch den finanziellen Spielraum für den Fall, dass Kunden schleppender zahlen als sonst.

  • 8. Forderungen verkaufen

    Insbesondere für Unternehmen, die Teil von Lieferketten sind, kann Factoring ein gutes Mittel zur Absicherung gegen Forderungsausfälle sein. Dabei kauft der Factor, in der Regel eine Factoringgesellschaft, fortlaufend die Forderungen eines Unternehmens. Die fälligen Beträge werden zumeist binnen 24 Stunden nach Rechnungsstellung vom Factor ausgezahlt. Für den Service werden in der Regel eine Gebühr und ein Zins für den Zeitraum bis zum Eingang der Zahlung des Debitors beim Factor fällig. Vorteil: Der Factor überprüft die Bonität des Abnehmers und übernimmt die vollständige Absicherung für den Delkrederefall.

  • 9. Auf professionelle Bonitätsprüfung setzen

    Je mehr Informationen ein Unternehmen über die Bonität eines Kunden hat, desto besser kann es dessen Zahlungsverhalten einschätzen. Vor allem bei Neukunden und größeren Auftragsvolumina sollten Unternehmen für die Bonitätseinschätzung auf die Unterstützung durch Wirtschaftsauskunfteien wie Creditreform, die Schufa oder CRIF Bürgel setzen.

  • 10. Verjährungsfristen beachten

    Rechtzeitig vor dem Jahreswechsel sollte geprüft werden, für welche Rechnungen die Verjährungsfrist von drei Jahren nach Rechnungsstellung akut wird. Denn danach entfällt die Möglichkeit, Forderungen einzuklagen. Ist eine Forderung uneinbringlich geworden, so kann die bereits an das Finanzamt abgeführte Umsatzsteuer zurückgefordert werden.

Neue Sanierungsmöglichkeit

Seit Januar 2021 können Unternehmen, die in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind, ein neues Instrument nutzen, das ihnen vor einer möglichen Insolvenz helfen soll, ihre Geschäfte wieder ins Laufen zu bringen: die sogenannte präventive Sanierung. Dieser Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen für Unternehmen im Rahmen das neuen Gesetzes zur Fortentwicklung des Sanierungs- und Insolvenzrechts ist für Gesellschaften gedacht, bei denen Zahlungsunfähigkeit droht, aber noch nicht eingetreten ist. Diese Unternehmen erhalten über die präventive Sanierung die Chance, sich mithilfe eines Restrukturierungsplans neu aufzustellen.

Vorteile:

  • Die klassischen Insolvenzantragsgründe sind weitgehend ausgesetzt.
  • Das Unternehmen kann ein Moratorium beantragen, welches das Unternehmen zum Beispiel vor Kündigungen der betroffenen Gläubiger schützt.
  • Um mit der präventiven Sanierung zu beginnen, braucht das Unternehmen keinen einstimmigen Beschluss seiner Gläubiger. Stellte sich bislang bei Sanierungsplänen ein Gläubiger quer, mussten Unternehmen den Weg über ein sanierendes Insolvenzverfahren gehen. Die neue Regelung sieht vor, dass die Gläubiger in Gruppen zusammengefasst werden. In jeder von ihnen müssen „nur“ 75 Prozent der Gläubiger dem Restrukturierungsplan zustimmen. Ist außerdem die Mehrheit aller Gruppen mit dem Plan einverstanden, kann die Restrukturierung beginnen.
  • Im Gegensatz zu einem Insolvenzverfahren, das sich durch die Beantragung bei Gericht und die Bestellung des Verwalters schnell herumspricht, wird eine präventive Sanierung seltener publik.
  • Bildnachweise

    Aufmacherfoto: iStockphoto / wutwhanfoto