Gemeinsam
sind wir stark

Die Ökonomie des Teilens gewinnt weltweit immer mehr an Bedeutung – besonders wenn es um Wissen, Technologie und teure Anlagen geht, die zeitlich nur begrenzt genutzt werden. Wir stellen die drei möglichen Modelle vor.

Sharing Economy

Erschienen in Ausgabe 2016-3

anchmal bedarf es erst einer Krise, damit sich neue Geschäftsmodelle entwickeln. So wie aktuell in der Ölindustrie: In dem Maße, in dem seit dem Sommer 2014 die Rohölpreise auf Talfahrt gingen, nahmen dort die Bemühungen zu, die Förderkosten für das schwarze Gold nachhaltig zu senken. Das gilt insbesondere für die Nordsee, eines der teuersten Ölfördergebiete der Welt. Einige der dort agierenden Unternehmen erhoffen sich jetzt spürbare Kosteneinsparungen durch das Konzept der Sharing Economy (Ökonomie des Teilens). In diesem Frühjahr gingen der Ölmulti Shell und vier weitere Förderfirmen dafür eine Partnerschaft zur gemeinsamen Nutzung von Ersatzteilen ein. Rund 200.000 Teile aus den Beständen der beteiligten Unternehmen wurden dafür katalogisiert und gemeinsam in einem Lagerhaus im schottischen Ölhafen Aberdeen eingelagert. Benötigt eines der beteiligten Unternehmen ein Ersatzteil für seine Bohrplattform, kann es dieses nun über eine vom Beschaffungsspezialisten Ampelius betriebene Online-Plattform ordern. Dadurch sind wichtige Ersatzteile deutlich schneller lieferbar und defektes Equipment schneller wieder einsetzbar – im teuren Fördergeschäft ein wichtiger Kostenfaktor. Zudem reduzieren sich die Logistik- und Lagerkosten für die beteiligten Unternehmen.

 

Altes Prinzip neu entdeckt

Teilen, tauschen, abwechseln – so lässt sich das Prinzip der Sharing Economy kurz zusammenfassen. Ganz neu ist das nicht: Lesezirkel, Autovermietungen, Mitfahrzentralen oder Maschinenringe in der Landwirtschaft gab es bereits, bevor diese mit Stempeln wie Sharing Economy, Share Economy oder KoKonsum versehen wurden. Grundsätzlich lassen sich dabei drei Kategorien unterscheiden, aus denen sich für Unternehmen verschiedene Nutzungs- und Geschäftsmodelle ergeben:

M

  • Business-to-Consumer-Sharing

    Beim Business-to-Consumer-Sharing werden die zu teilenden Güter von einem Anbieter zentral zur Verfügung gestellt und klassisch gegen Bezahlung an wechselnde Nutzer vermietet. Beispiele für diese Form der Sharing-Wirtschaft sind die Carsharing-Angebote von car2go oder DriveNow. Hier können Unternehmen zum einen Nutzer sein, indem sie, statt eine eigene Fahrzeugflotte auf- oder auszubauen, zumindest teilweise auf Sharing-Angebote zurückgreifen. Zum anderen können Unternehmen eigene Geschäftsmodelle entwickeln und als Anbieter auftreten (siehe Aufklapper unten „In vier Schritten zur Sharing Economy“).

  • Business-to-Business-Sharing

    Beim Business-to-Business-Sharing geht es vor allem darum, Anlagen, Ausrüstung oder Infrastruktur gemeinschaftlich zu nutzen. Unternehmen können hier zum einen partizipieren, indem sie wie im eingangs genannten Beispiel bestimmte Produkte und Dienstleistungen gemeinsam mit anderen kostensparend nutzen. Zum anderen können sie auch als Betreiber von Plattformen auftreten, die gegen Provision Business-to-Business-Sharing-Angebote organisieren bzw. verwalten.

  • Peer-to-Peer- oder Consumer-to-Consumer-Sharing

    Beim Peer-to-Peer- bzw. Consumer-to-Consumer-Sharing werden Güter und Dienstleistungen von „Endverbraucher zu Endverbraucher“ geteilt. Ein klassisches Beispiel dafür sind Mitfahrzentralen, über die Privatleute anderen Privatleuten eine Mitfahrgelegenheit im eigenen Auto oder auch im Rahmen einer Gruppenfahrkarte der Bahn anbieten. Auch Airbnb, ein Community-Marktplatz für die Buchung und Vermietung von Privatunterkünften, gehört zu dieser Kategorie des Sharings. Ertragspotenziale im Consumer-to-Consumer-Sharing liegen für die Betreiber vor allem in der gebührenpflichtigen Vermittlung der Sharing-Dienstleistungen über entsprechende Online-Plattformen. Zusätzliche Umsätze können bei entsprechend hoher Nutzerzahl über Werbeeinnahmen generiert werden.

Den Begriff Sharing Economy prägte in den 1980er-Jahren der Harvard-Ökonom Martin Weitzman in seinem gleichnamigen Buch. Für Weitzman und viele andere Verfechter der Sharing Economy ist diese eng mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit verbunden. Denn im Rahmen der Ökonomie des Teilens stehen Ressourcen, die vom einen gerade nicht benötigt werden, anderen zur Verfügung – insgesamt sollte somit weniger produziert werden. In Fachkreisen ist dieser Aspekt umstritten. Führt Sharing Economy wirklich zum Verzicht oder trägt sie zum Beispiel im Fall günstiger Carsharing-Angebote eher dazu bei, dass noch mehr Menschen Auto statt Bahn fahren? Oftmals wird allerdings beim Carsharing der Nachhaltigkeitsgedanke unterstützt, denn häufig kommen umweltfreundlichere Kleinwagen oder sogar Elektroautos zum Einsatz. Unternehmen, die dies für sich nutzen, tun damit also auch etwas für ihre eigene Nachhaltigkeit. Das Bereitstellen einer günstigen Übernachtungsmöglichkeit in den eigenen vier Wänden, sei es beim nicht kommerziellen Couchsurfen oder bei der kommerziellen Vermittlung über Airbnb, erfüllt zudem eine soziale Komponente. Damit passt die Sharing Economy ebenfalls zu einem erweiterten Nachhaltigkeitsbegriff, der nicht allein ökologische Aspekte umfasst.

Auswahl aktueller Sharing-Angebote

Megamarkt dank Digitalisierung

Der soziale Gedanke mag bei nicht kommerziellen Sharing-Aktivitäten wie Urban Gardening, Repair-Cafés oder Foodsharing im Vordergrund stehen, nicht zuletzt bietet die Sharing Economy Unternehmen jeglicher Branchen und Größen aber auch interessante Nutzungs- und vor allem Geschäftsmodelle. Die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) prognostiziert ein Anwachsen der Umsätze in der weltweiten Sharing Economy von 15 Milliarden US-Dollar im Jahr 2013 auf 335 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025. „Letztlich wird in Zukunft jeder Wirtschaftsbereich Teil der Sharing bzw. Collaborative Economy werden, denn es handelt sich um einen Megatrend, dem sich kein Unternehmen auf Dauer mehr entziehen kann“, schreibt Prof. Dr. Heike Simmet, Leiterin des Labors Marketing und Multimedia (MuM) an der Hochschule Bremerhaven, in ihrem Blog. Die Idee des Teilens und Kollaborierens sei den Kinderschuhen längst entwachsen und zu einem höchst interessanten Businessmodell avanciert, so die Expertin für Management im Mittelstand. „Ganz selbstverständlich“ nutzten Geschäftsleute mittlerweile zum Beispiel die Mobilitätsangebote der Carsharing-Anbieter, um die Fixkosten der eigenen Fahrzeugflotte zu reduzieren.

 

Treiber der Ökonomie des Teilens ist die voranschreitende Digitalisierung. Das sogenannte Free-Floating-Carsharing ohne feste Vermietstationen, wie es zum Beispiel car2go anbietet, ist erst möglich geworden, da man dank des mobilen Internets mit seinem Smartphone jederzeit ein Fahrzeug in seiner Nähe orten und unabhängig von einer Vermietstation online mieten und bezahlen kann. Aber auch kollaborative Geschäftsmodelle wie die beschriebene Ersatzteilkooperation werden erst durch das Internet wirklich effizient.

 

Den Anschluss nicht verpassen

Unternehmen aller Branchen tun gut daran, sich mit der boomenden Wirtschaftsform auseinanderzusetzen und gegebenenfalls eigene Angebote zu entwickeln. Sie laufen ansonsten Gefahr, von neuen Akteuren vom Markt verdrängt zu werden. Zu Recht fürchten zum Beispiel Taxi-Unternehmer weltweit die Konkurrenz des Fahrdienstleistungsanbieters Uber. Das umstrittene US-Unternehmen vermittelt über Smartphone-App und im Internet unter anderem Fahrten mit Privatautos und -leuten als Chauffeur. Nach eigenen Angaben will das Unternehmen 2016 weltweit mehr als 26 Milliarden US-Dollar Umsatz erwirtschaften.

 

Den Trend zum Teilen frühzeitig erkannt und in ein neues Geschäftsmodell umgemünzt hat auch BMW: 2011 rief der Automobilkonzern gemeinsam mit dem Autovermieter Sixt den Carsharing-Dienst DriveNow ins Leben. Mittlerweile hat das Joint Venture europaweit mehr als 600.000 Kunden und ist in Deutschland mit einem Marktanteil von 39 Prozent Marktführer. In diesem Sommer eröffnete das Unternehmen in Brüssel seinen fünften Standort außerhalb der Bundesrepublik – Wien, London, Kopenhagen und Stockholm waren die bisherigen DriveNow-Metropolen.

 

Potenziale für den Mittelstand

Kreative Geschäftsmodelle vorausgesetzt, ist der Einstieg in die Sharing Economy oft relativ einfach: Aufbau und Bewerbung einer Online-Plattform seien Anfangsinvestitionen, denen auch bei steigender Nutzung kaum weitere Kosten folgten, so die Autoren der aktuellen Untersuchung „Sharing Economy – Chancen, Risiken und Gestaltungsoptionen für den Arbeitsmarkt“ des Bonner Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Dieses Phänomen ermögliche hohe Erträge und damit exponentielles Wachstum durch ein weltweites Ausrollen des Geschäftsmodells, so die Wissenschaftler.

 

Die Unternehmensberatung Deloitte hat jüngst in einer Studie mit dem Titel „Sharing Economy – Teile und verdiene“ vier Schritte definiert, mit denen Unternehmen in die Sharing Economy investieren können:

  • In vier Schritten zur Sharing Economy

    Schritt 1: Bevor ein konkretes Investment ins Auge gefasst wird, sollten Konzept und Potenzial der Sharing Economy genau studiert und nachvollzogen werden können. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass Güter und Dienstleistungen zunehmend nicht mehr direkt bei Unternehmen gekauft, sondern geteilt werden. Unternehmen, die gegenüber diesem neuen Geschäftsmodell nicht offen sind und keine Partizipationsstrategie entwickelt haben, riskieren, Anteile zu verlieren oder ganz aus dem Markt gedrängt zu werden. Eine Investition in die Sharing Economy kann somit als Diversifikation zur Sicherung des langfristigen Erfolgs betrachtet werden.

    Schritt 2: Wer bereit ist, in der Sharing Economy tätig zu werden, sollte sich im zweiten Schritt Gedanken über den Investitionsbereich machen. Für Unternehmen, deren Tätigkeitsbereich bereits unter Druck geraten ist oder es bald wird, ist es naheliegend, das Geschäftsmodell direkt den neuen Gegebenheiten anzupassen. Die Sharing Economy ermöglicht es, nicht nur als Verkäufer, sonder auch als Vermieter der eigenen Produkte aufzutreten (Beispiel BMW/DriveNow). Für Unternehmen, die selbst (noch) kaum vom Sharing-Trend betroffen sind, kann es vorteilhaft sein, ein Gebiet auszusuchen, das zum bestehenden Geschäftsfeld der Firma passt oder dieses sinnvoll erweitert. Eine andere Möglichkeit ist, als Betreiber einer Plattform tätig zu werden.

    Schritt 3: Wird mit dem Eintritt in die Sharing Economy organisches oder anorganisches Wachstum angestrebt? Soll ein eigenes Start-up gegründet werden oder soll in ein bestehendes investiert werden? Der große Vorteil der zweiten Variante liegt darin, dass das Know-how nicht erst aufgebaut werden muss, sondern gewissermaßen eingekauft wird. Dabei gibt es mehrere Möglichkeiten: eine Akquisition, ein direktes Investment oder eine Partnerschaft. Hier kann es sinnvoll sein, anfangs verschiedene Modelle zu testen und nicht gleich alles auf eine Karte zu setzen.

     

    Schritt 4: Sind Konzept und Potenzial bekannt, der Tätigkeitsbereich gewählt und die Art der Investition festgelegt, gilt es, als Letztes mögliche Herausforderungen für das eigene Geschäft, die Sharing Economy als Ganzes und die Konsumenten zu identifizieren. Dazu gehören Risiken wie neue staatliche Regulierungen, aber auch Chancen wie die Frage einer möglichen internationalen Expansion.

Chancen im B2B-Sektor

Während das Peer-to-Peer-Sharing und das Business-to-Consumer-Sharing bereits eine relativ hohe Verbreitung haben, spielen Business-to-Business-Lösungen noch eine untergeordnete Rolle oder sind, etwa im Fall von Werkzeugen, Maschinen oder Fahrzeugen, Teil von Consumer-to-Consumer-Angeboten. Doch das könnte sich bald ändern. Und: Gerade im Bereich B2B gibt es noch viele Möglichkeiten und Chancen, sich als Anbieter zu etablieren. Das zeigen die folgenden Beispiele:

 

Das im Juli 2015 gegründete Kölner Start-up shareDnC (= share Desk and Coffee) hat kürzlich die erste deutschsprachige Plattform für Office-Sharing, also das Teilen von ungenutzten Büroflächen, ins Leben gerufen. Die Plattform bietet auf der einen Seite Unternehmen, die über nicht genutzte Büroflächen verfügen, eine einfache und flexible Möglichkeit, ihre Mietkosten zu reduzieren, bis sie die Kapazitäten selbst benötigen. Auf der anderen Seite finden Freelancer, Start-ups und andere wachsende Unternehmen so kurzfristig anmietbare, kostengünstige Arbeitsplätze und Büros.

 

Eine Transformation zum Sharing-Anbieter hat bereits der Gabelstapler-Anbieter Linde Material Handling vorgenommen. Das Unternehmen realisiert laut Prof. Heike Simmet mittlerweile 80 Prozent seiner Wertschöpfung im Sharing. Es verstehe sich heute als ein modern aufgestellter Dienstleister für Materialbewegung und nicht mehr als reiner Produzent.

 

Das 1997 gegründete Düsseldorfer IT-Unternehmen TimoCom hat sich in nur wenigen Jahren mit seinen Logistik-Vergabeplattformen vom Start-up zum etablierten mittelständischen Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 54 Millionen Euro (2014) entwickelt. In der internationalen Fracht- und Laderaumbörse TC Truck&Cargo® werden täglich bis zu einer halben Million Fracht- und Laderaumangebote eingestellt. Dieses Werkzeug hilft anderen Unternehmen dabei, ihre Kapazitätsauslastung zu optimieren und teure Leerfahrten zu vermeiden.

 

Die Idee des Teilens von Ladungsfläche verfolgt auch die deutsche ELVIS AG (Europäischer Ladungs-Verbund Internationaler Spediteure) als Kooperationsgemeinschaft mittelständischer Speditions- und Frachtführerunternehmen. Das Netz verfügt mittlerweile über mehr als 100 Partner und 176 Standorte in neun Ländern Europas und eine Flotte von mehr als 15.000 Lkw. Mit dem auf einer komplexen Software basierenden Teilladungssystem sparen die angeschlossenen Spediteure durch die konsequente Umsetzung des Sharing-Gedankens Lagerkosten, Ruhezeiten, Umwege und Ressourcen.

 

Beim Mineralölkonzern Shell teilt man unterdessen nicht mehr nur Ersatzteile. Das Unternehmen führt eigenen Angaben zufolge auch eine Gruppe von neun Ölförderfirmen an, die unter dem Namen Wells Forum ihre Bohrpläne teilen und auf dieser Basis Möglichkeiten der Kosteneinsparung austauschen. Das habe dazu beigetragen, die operativen Kosten um mindestens 10 Prozent zu senken. Ein Erfolg, den man gerne teilt.

  • Bildnachweise

    car2go Deutschland GmbH, iStockphoto (conejota, KatarzynaBialasiewicz, JanMika, K-Paul, kumeda, Rawpixel Ltd, Ziviani)

Weitere Artikel

Finanzen

Fallstudie

Unternehmerische Freiheit aus einem Guss

Wie sich die Heger-Gruppe mit einer syndizierten Finanzierung neue unternehmerische Freiheit sichert.

Strategien

So machen Sie Ihre Arbeitskräfte mobil

Mobiles Arbeiten ist einer der großen Trends. Wir zeigen die Möglichkeiten und geben Tipps in Sachen Sicherheit.

  •  

Perspektiven

© 2017 Deutsche Postbank AG

Impressum