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19/04

Mittelstand

Neue Chancen der
Sharing Economy

Teilen statt besitzen: Die Sharing Economy boomt. Nicht zuletzt, weil für viele Konsumenten das Thema Nachhaltigkeit immer wichtiger wird. Und noch gibt es Chancen zum Einstieg – auch für Start-ups und kleine und mittlere Unternehmen.

Lesedauer: 3 Minuten

Für zehn Prozent des Restmülls in deutschen Städten ist Schätzungen zufolge ein einziges Produkt verantwortlich: die Wegwerfwindel. Sonja Specks, gelernte Chemielaborantin, studierte Wirtschaftsingenieurin und Mutter eines Jungen, hat aus dem Müllproblem eine nachhaltige Geschäftsidee entwickelt: Sie gründete 2018 in Berlin den Stoffwindelservice Windelei. 2019 stieg die Münchnerin Franziska Reif in das Unternehmen ein. Seitdem gibt es den Windeldienst auch in der bayerischen Landeshauptstadt. Das Start-up beliefert seine Kunden in den beiden Metropolen wöchentlich mit Windeln aus Biobaumwolle und Hanfeinlagen und sammelt die benutzten Windeln zum Waschen ein. Zudem vermietet das Unternehmen bundesweit Stoffwindeln zum Selberwaschen. Eine Windel- und Waschanleitung gibt es per Videochat. Jeder Kunde des Windeldienstes in Berlin und München hat sein persönliches, mit einem Barcode gekennzeichnetes Windelpaket. Dieses wird erst an das nächste Kind weitergegeben, wenn der Vornutzer rausgewachsen ist oder keine Windeln mehr benötigt. Gewaschen wird in der Windelei nach den hygienischen Anforderungen des Robert-Koch-Instituts, die auch für Krankenhäuser gelten. Das war auch schon vor dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie so.

 

Mehr als Share Now und Airbnb

Mittlerweile floriert die „Windelei“ und zeigt, welche Geschäftschancen die Sharing Economy, zu Deutsch „Wirtschaft des Teilens“, auch abseits etablierter Sharing-Geschäftsbereiche wie Carsharing oder der Vermittlung von Unterkünften bietet. „Im Grunde genommen kann man alles anpacken, was sich nicht unbedingt über Besitz definiert“, sagt „No Waste“-Verfechterin Sonja Specks, die ihr eigenes Kind selbstredend auch mit Stoff gewindelt hat. Als potenzielle Kunden kommen alle Menschen infrage, die nicht nach dem Prinzip „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ handeln, sondern bereit sind, mit anderen zu teilen.

 

Und das ist eine stetig wachsende Zielgruppe. Schätzungen der Wirtschaftsberatung PricewaterhouseCoopers zufolge erzielte die Sharingbranche 2018 allein in Deutschland einen Umsatz in Höhe von 24,1 Milliarden Euro – Tendenz steigend, und zwar rasant. Jeder fünfte Deutsche hat laut einer im Oktober 2019 veröffentlichten Studie des internationalen Marktforschungsinstituts YouGov bereits Sharingangebote genutzt. Genauso viele haben das demnach noch vor. „Damit zeigt sich ein beträchtlicher Anteil der Bevölkerung offen für Sharingangebote“, sagt Philipp Schneider, Head of Marketing bei YouGov. Zwei Drittel der Nutzer sind zwischen 18 und 44 Jahren alt. Eine zukunftssichere Zielgruppe, die mit steigendem Angebot noch vermehrt Sharingservices nutzen werde, betont Schneider.

Chancen der Sharing Economy

Das internationale Marktforschungsunternehmen YouGov hat die Bedeutung der Sharing Economy für Deutschland untersucht. Unsere Infografik zeigt ausgewählte Ergebnisse.

Quelle: YouGov-Analyse „Sharing Economy: Teilen statt besitzen“, 10/2019

Noch Potenzial bei Haushaltsgeräten und Büroräumen

Mittelständler nutzen das Potenzial der Sharing Economy noch nicht so aus, wie sie es könnten, meinen die Experten von YouGov. Geschäftsbereiche, die noch Potenzial bieten sind demnach zum Beispiel

  • Haushalts- oder Gartengeräte,
  • Technik und
  • Co-Working.

 

Hier gibt es noch „größere Diskrepanzen zwischen Nutzungsbereitschaft und Nutzung“, sagt YouGov-Experte Schneider. Im Fall von Co-Working etwa, also dem Teilen von Büroraum, liegt die Bereitschaft, entsprechende Angebote zu nutzen etwa doppelt so hoch wie die gegenwärtige Nutzung. Insgesamt sieht Schneider in einem „noch wachsenden Markt“ insbesondere für Mittelständler Potenziale, sich mit weiteren Serviceangeboten zu etablieren. Schneiders erste Regel für Unternehmer, die hier aktiv werden wollen: „Kenne deinen Markt und deine Zielgruppe und kommuniziere dein Angebot – verständlich – auf den Kanälen, auf denen deine potenziellen Kunden unterwegs sind“. Zudem sollten Unternehmen ihre Kunden regelmäßig befragen. Dadurch ließen sich Trends frühzeitig erkennen, das Angebot sinnvoll erweitern und Leistungen verbessern.

 

Chancen für Etablierte und für Neueinsteiger

Mittelständler, die das Potenzial der Sharing Economy nutzen möchten, sollten erst einmal überlegen, ob sich ihr eigenes Produkt oder ihre Dienstleistung zu einem Sharingangebot ummünzen lässt. Ein Alternative zum Einstieg könnten zudem Partnerschaften mit neuen Akteuren sein. Hier könne sich auch mal ein Blick über den eigenen Tellerrand hinaus lohnen, sagt Sharing-Economy-Experte Schneider. Als Beispiel nennt er die Kooperationen verschiedener Versicherungsunternehmen mit E-Scooter-Anbietern – Deutschland sieht für das Fahren von E-Scootern eine Versicherungspflicht vor. Die Versicherer profitieren auf diese Weise vom Sharingboom, ohne von ihrem Kerngeschäft abzuweichen.

 

Corona beflügelt Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit

Auch Unternehmen der Sharing Economy haben durch die Coronavirus-Pandemie schwere Umsatzeinbußen erlitten. Das gilt zum Beispiel für die touristische Vermietungsplattform Airbnb oder den Fahrdienstanbieter Uber. Und schon gibt es ein neues Trendwort: Distance Economy – Wirtschaft auf Abstand. Denn viele Menschen verlagern aus Angst vor Ansteckung nicht nur ihre Arbeit, sondern auch das Lernen, Sport oder andere Hobbys und nicht zuletzt das Einkaufen freiwillig oder gezwungenermaßen in die eigenen vier Wände. Gerade in der Corona-Krise hätten hier lokal organisierte Sharing-Anbieter einen riesigen Vorteil, betonte kürzlich Jonas Pentzien vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin in einem Interview mit der Tagesschau. Denn bei den globalen Playern fehle oft die Kenntnis über die aktuellen Infektionsschutzmaßnahmen in einzelnen Städten sowie die regionale Anbindung. Und: Verschiedenen Umfragen zufolge steigt in der Corona-Krise bei den Verbrauchern auch der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit beim Konsum. In einer Befragung, die von der Unternehmensberatung Accenture auf dem Höhepunkt der weltweiten Lockdowns im April durchgeführt wurde, gaben 45 Prozent der Verbraucher an, dass sie beim Einkaufen nachhaltigere Entscheidungen treffen und dies wahrscheinlich auch weiterhin tun werden. Die nachhaltig agierenden Unternehmerinnen der Windelei sind hier also schon gut aufgestellt. Als Nächstes wollen sie einen Webshop mit Babyartikeln im Firmendesign eröffnen – natürlich aus nachhaltiger Produktion.

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  • Bildnachweise

    Aufmacherfoto: iStockphoto (pekkak); Grafik: iStockphoto (TopVectors)