Blockchain – mehr als nur ein Hype

Die Technologie hinter der Kryptowährung Bitcoin hat das Potenzial, die Prozesse im Unternehmen nachhaltig zu verändern. Wie Mittelständler künftig davon profitieren können.

Serie Technologietrends

eise und völlig emissionslos surrt das Elektroauto an die Ladesäule. Der Fahrer steigt aus und stöpselt den Ladesäulenstecker in die Steckdose seines Wagens. Eine halbe Stunde später ist das E-Auto mit voll geladener Batterie zur Abfahrt bereit – die Bezahlung hat es schon mal selbst erledigt, so wie zuvor die Suche und Reservierung der nächstgelegenen freien Ladestation. Möglich machen das smarte Aufladen zwei innovative digitale Technologien: das Internet der Dinge, kurz IoT („Internet of Things“), und die Blockchain. Die eine ermöglicht es, dass Maschinen oder Geräte selbstständig miteinander kommunizieren. Die andere gewährleistet den automatischen digitalen Vertragsabschluss inklusive Bezahlung in einem manipulationssicheren Netzwerk. Wie das genau funktioniert, sehen Sie hier im Video.

 

Bitcoin ist nur der Anfang

Seit dem Boom der umstrittenen Kryptowährung Bitcoin ist auch die dahinterstehende Technologie Blockchain, zu Deutsch „Blockkette“, in aller Munde. Dabei handelt es sich letztlich um einen digitalen Prozess, der es ermöglicht, Transaktionen fälschungssicher dezentral in Netzwerken zu speichern und zu verifizieren. Dafür wird die Transaktion, etwa die Überweisung einer Kryptowährung, vom Absender erzeugt, digital signiert und dann in einem Netzwerk auf eine Vielzahl von Knoten kopiert. Die Knoten des Netzwerks überprüfen die Gültigkeit der Transaktion und fügen diese als Blöcke in die Blockchain ein. Ein wesentliches Prinzip der Blockchain ist die Unveränderbarkeit der Einträge. Diese können ergänzt, aber niemals gelöscht werden. Unterschieden wird in Public Blockchains, auf die im Prinzip jeder zugreifen kann, und Private Blockchains, deren Zugriffsrechte auf eine bestimmte Gruppe von Teilnehmern begrenzt sind.

 

Zeit und Kosten sparen

Die meisten praktischen Anwendungen für die Blockchain-Technologie finden sich derzeit noch im Bereich der Finanzdienstleistungen. „Die Blockchain-Technologie bietet hier erhebliches Potenzial, Prozesse zu beschleunigen und preiswerter zu gestalten – das kann den Kunden und der Bank zugutekommen“, sagt Dr. Christian Berning, Blockchain-Experte bei der Postbank Systems AG (siehe Interview unten). Jüngst war die Postbank zum Beispiel als Investor an einer Schuldschein-Transaktion auf Basis der Blockchain-Technologie beteiligt.

 

Doch die Blockchain-Technologie hat mehr zu bieten als die dezentrale Abwicklung von Finanztransaktionen. „Vorteile können durch die Blockchain theoretisch überall entstehen, wo ein Austausch von Werten und Daten stattfindet, die durch sogenannte geschäftliche Vereinbarungen geregelt sind – also auch in der Arbeit mit Dienstleistern, im Handel, bei Streitfällen sowie bei der Revision und bei Überprüfungen durch Aufsichtsbehörden“, sagt etwa Mustafa Cavus, Blockchain-Experte bei der Unternehmensberatung Sopra Steria.

 

Plausible Einsatzszenarien gibt es unter anderem in komplexen Supply Chains. Denn dort müssen viele Partner möglichst effizient zusammenarbeiten und sind auf einen sicheren und reibungslosen Datenaustausch angewiesen. Transaktionen in der Blockchain könnten hier künftig erheblich Zeit und Kosten sparen. Ein Beispiel dafür, wie Blockchain den internationalen Handel beflügeln kann, zeigt das folgende Video.

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Blockchain für die Supply Chain

Sicherheit in der Supply Chain – für Bananen und Diamanten

Die Experten des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT) haben in einem Positionspapier zu Blockchain und Smart Contracts eine ganze Reihe von weiteren Anwendungsbeispielen zusammengetragen:

  • Ein wesentlicher Anwendungsbereich für Blockchain sind alle Formen von Registern, die eine Publikations-, Beweis-, Kontroll- und Schutzfunktion erfüllen. Der US-Computerkonzern IBM hat jüngst ein Blockchain-basiertes Handelsregister vorgestellt.
  • Ein Identifizierungssystem des Londoner Start-ups Everledger nutzt die Unveränderbarkeit der Blockchain, um den Lebenszyklus von Diamanten entlang der gesamten Lieferkette zu gewährleisten – von der Mine bis zum Endkunden. Die Einträge in der Blockchain enthalten dafür Dutzende Merkmale für jeden Edelstein, einschließlich Farbe, Karat und Zertifikatsnummer, die per Laser auf der Krone oder dem Gürtel des Steins beschriftet werden können.
  • Wie die Blockchain zu besseren Abläufen und transparenten Prozessen in der Fertigung führen kann, hat das Innovationsmanagement von
    T-Systems erprobt.
  • Namhafte Nahrungsmittelproduzenten wie Dole und Nestlé sowie das Einzelhandelsunternehmen Walmart wollen künftig mithilfe von Blockchain Waren in der Nahrungsmittel-Supply-Chain vom Erzeuger bis in die Ladentheke sicher nachverfolgbar machen.
  • Über die Blockchain lassen sich Daten im Sinne eines elektronischen Vertragsmanagements, der sogenannten Smart Contracts, abbilden. Das heißt, Regeln und Prozesse werden formal beschrieben und automatisch überwacht. So lässt sich beispielsweise der Transport von Gefahrgütern einwandfrei dokumentieren und damit sicherer machen. In der Blockchain wird dafür zum Beispiel gespeichert, welches Fahrzeug welche Behälter benutzt, welche Eigenschaften das Fahrzeug hat und ob der Fahrer Schulungen absolviert hat. Man erhält so ein geschlossenes System und kann jederzeit nachweisen, dass gesetzliche Bestimmungen eingehalten werden.

Blockchain für Mittelständler – frisch vom Technologiemarktplatz

Während große Unternehmen in der Lage sind, eigene Abteilungen zur Entwicklung von Smart Contracts und anderen Blockchain-Anwendungen zu etablieren, werden kleine und mittlere Unternehmen künftig darauf angewiesen sein, entsprechende Dienstleistungen und Know-how einzukaufen. Die Forscher vom FIT gehen davon aus, dass sich dafür in Zukunft Marktplätze nach dem Vorbild der App Stores entwickeln werden.

 

Eine der großen Herausforderungen für eine breite Nutzung der Blockchain-Technologie ist derzeit noch, entsprechende Insellösungen mit bestehender Firmensoftware zu verbinden. Eine andere, den hohen Stromverbrauch dieser Technologie zu reduzieren. Bei Kryptowährungen etwa wird derzeit noch enorm viel Rechnerleistung benötigt, um Transaktionen zu verarbeiten, Daten zu synchronisieren und sie den Nutzern im Netzwerk zur Verfügung zu stellen.

 

Dennoch gilt: Spätestens dann, wenn die eigenen Geschäftspartner oder Kunden die Blockchain nutzen, sollte man dabei sein. „Blockchain wird die deutsche Wirtschaft in den nächsten zehn Jahren grundlegend verändern“ – das glauben laut einer aktuellen YouGov-Umfrage 32 Prozent der Verantwortlichen im deutschen Mittelstand. „Von jenen Umfrageteilnehmern, die die Blockchain kennen, sich damit beschäftigt haben oder sie bereits nutzen, erwarten sogar 65 Prozent grundlegende wirtschaftliche Veränderungen“, sagt Stephan Zimprich, Leiter der Kompetenzgruppe Blockchain im eco – Verband der Internetwirtschaft e. V.

 

Interview

Dr. Christian Berning,  IT Innovation – PLF, Postbank Systems AG

„Es ist gut, frühzeitig dabei zu sein und
die Zukunft aktiv mitzugestalten.“

Dr. Christian Berning,

IT Innovation – PLF, Postbank Systems AG

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    Perspektiven: Welche Anwendungen können Sie sich auf Basis der Blockchain-Technologie vorstellen?

     

    Dr. Christian Berning: Eine naheliegende Anwendung für uns als Bank ist beispielsweise die Beschleunigung des Auslandszahlungsverkehrs. Oder nehmen wir gerade mit Blick auf den Mittelstand das Beispiel Industrie 4.0: das Bezahlen von Maschine zu Maschine im Internet der Dinge. Es verknüpft Millionen von Maschinen und Sensoren. Maschinen, Autos, Wettersensoren, Computer oder Kaffeemaschinen bekommen ihr eigenes Portemonnaie, ihr „Wallet“, und bezahlen und kassieren künftig selbsttätig. So könnten Minimalbeträge direkt über eine Blockchain versendet werden. Moderne Ansätze wie IOTA, eine Weiterentwicklung der Blockchain-Technologie für die sichere Kommunikation und Zahlung zwischen Maschinen, versprechen eine noch effizientere Datenübermittlung und Bezahlfunktion.

     

    Perspektiven: Welche Vorteile versprechen Sie sich und Ihren Kunden davon?

     

    Dr. Christian Berning: Die Blockchain-Technologie bietet erhebliches Potenzial, Prozesse zu beschleunigen und preiswerter zu gestalten – das kann Kunden und Bank zugutekommen. Virtuelle Verträge, „Smart Contracts“ genannt, ermöglichen beispielsweise die automatisierte Auslösung von Zahlungen auf Basis von Verträgen, die als Programmskripte auf einer Blockchain hinterlegt werden. Darüber hinaus werden gänzlich neue Geschäftsmodelle ermöglicht getreu dem Satz: „Daten werden das neue Gold.“

     

    Perspektiven: Ist es vor allem eine Technologie, mit der Finanzdienstleistungen sicherer und schneller abgewickelt werden können?

     

    Dr. Christian Berning: Sicherheit und Schnelligkeit sind angestrebte Merkmale der neuen Kryptowährungen wie zum Beispiel Bitcoin, die derzeit weiterentwickelt werden. Darüber hinaus bietet die Technologie die Möglichkeit, digitales Geld mit eigenen Funktionen auszustatten: Anonymität, sichere Verwahrung dieser Währungen oder einfach zu bedienende Bezahl-Apps. Jenseits des Finanzsektors gibt es Anwendungsmöglichkeiten für fast alle Branchen: Viele Behördenaufgaben, die heute noch über eigene Programme oder sogar Papierdokumente abgewickelt werden, könnte man auf einer Blockchain abbilden. Versicherer sammeln mit Blackboxes im Auto Unfalldaten. Diese Daten könnten auch in eine Blockchain übertragen werden. Im Gesundheitswesen werden viele hochsensible Daten ausgetauscht, Akten liegen bei mehreren Ärzten. Über eine Blockchain hätten Patienten nicht nur die Möglichkeit, ihre eigenen Daten einzusehen, sondern sie auch verschiedenen Ärzten oder Krankenkassen für bestimmte Zeiträume freizugeben.

     

    Perspektiven: Machen Sie sich als Bank nicht am Ende selbst überflüssig?

     

    Dr. Christian Berning: Um den Vordenker Don Tapscott zu zitieren: „Das Potenzial der Blockchain ist fundamental. Sie gibt uns die Gelegenheit, das Geschäftsleben neu zu erfinden.“ Tatsächlich ist es ein Aspekt, dass Funktionen von Mittelsmännern wie Banken, Börsen, Kreditkartenfirmen, Notaren oder Grundbuchämtern perspektivisch durch diese Technologie ersetzt werden könnten. Wenn die Technologie hält, was sie verspricht – wovon ich ausgehe –, dann ist es gut, frühzeitig dabei zu sein, sich bietende Chancen zu erkennen und wahrzunehmen und die Zukunft aktiv mitzugestalten.

  • Bildnachweise

    Aufmacher: istockphoto / allanswart: Foto: Postbank

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