Auf keinen Fall abwarten und Tee trinken!

Am 30. März 2019 verlässt Großbritannien die Europäische Union. Ob mit oder ohne Übergangszeit: Deutsche Unternehmen, die wirtschaftlich mit dem Vereinigten Königreich verbunden sind, müssen sich dringend auf den Brexit vorbereiten.

Brexit

BGM

ei Redaktionsschluss dieser Perspektiven-Ausgabe stand die Entscheidung über die Annahme des Brexit-Deals zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich durch das britische Unterhaus noch aus. Im schlimmsten Fall endet sie mit einem harten Brexit ohne Abkommen. Dann ist Großbritannien aus EU-Sicht ab dem 30. März 2019 politisch und wirtschaftlich ein Drittstaat. Doch selbst wenn das Votum im Unterhaus doch noch zugunsten des Abkommens ausfällt, sind die Gefahren, die beiden Seiten durch den Brexit drohen, nicht aufgehoben, sondern bestenfalls aufgeschoben.

 

Für den Handel zwischen dem Vereinigten Königreich und den EU-Mitgliedsstaaten gelten dann allein die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO). „Das heißt für viele Unternehmen erstmals Zollkontrollen, Zölle oder Fragen nach der Anerkennung von Produktstandards“, sagt Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Besonders betroffen sind davon eng mit den Britischen Inseln vernetzte Branchen, wie die Kfz-Hersteller. Doch es werde kein Sektor ungeschoren davonkommen, warnt Treier. Immerhin ist das Vereinigte Königreich bislang der fünftgrößte Handelspartner Deutschlands. 2017 belief sich das Handelsvolumen Deutschlands mit den Briten auf rund 122 Mrd. Euro, davon entfielen mehr als 85 Mrd. Euro auf Exporte.

 

Deutsche Unternehmen auf harten Brexit nicht vorbereitet

Abwarten und Tee trinken – das schien bislang noch die Strategie vieler Unternehmen mit Blick auf den Brexit. Laut einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unter mehr als 1.100 deutschen Unternehmen aus Industrie und industrienahen Dienstleistungen waren viele Firmen ein knappes halbes Jahr vor dem Brexit auf ein mögliches Scheitern der Austrittsverhandlungen überhaupt nicht vorbereitet. Mehr als fünf von sechs Unternehmen haben demnach nur unzureichende Vorkehrungen getroffen. Auch wenn die Mehrheit der befragten Firmen keine intensiven Handelsbeziehungen mit Partnern in Großbritannien pflegt, könnten doch etliche der Unternehmen auch indirekt über ihre Lieferkette betroffen sein. Noch besorgniserregender: Selbst unter den deutschen Unternehmen, die in das Vereinigte Königreich exportieren, sind etwa 29 Prozent vollkommen unvorbereitet. Fast 44 Prozent haben bisher nur geringe Vorkehrungen getroffen.

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Wie Unternehmen auf einen No-Deal-Brexit vorbereitet sind

Umfrage unter 1.100 deutschen Unternehmen aus Industrie und industrienahen Dienstleistungen im Sep./Okt. 2018; Angaben umsatzgewichtet; Rest zu 100 Prozent: keine Angabe

Quelle: IW-Zukunftspanel

Auch „weicher“ Brexit bringt Probleme

Einigen sich die Verhandlungspartner doch noch auf die angestrebte 21-monatige Übergangsfrist bis Ende 2020, ist das Problem zwar aufgeschoben, aber nicht aufgehoben. Aus heutiger Sicht ist noch völlig offen, wie die Handelsbeziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU nach Ablauf der Frist aussehen könnten. Eine Zollunion etwa wird von den Briten bislang abgelehnt, die Ausarbeitung eines Freihandelsabkommens könnte deutlich länger als die Übergangsfrist dauern. Mit der Verabschiedung des sogenannten „Taxation (Cross-border Trade) Act“ (TCBTA) im September hat das Vereinigte Königreich bereits ein eigenständiges Zollgesetz geschaffen. Das könnte die Verhandlungen mit der EU über die zukünftigen Beziehungen erschweren.

 

Je früher sich also die betroffenen deutschen Unternehmen mit den Brexit-bedingten Herausforderungen beschäftigen, desto besser. Eine Auswahl der wichtigsten Bereiche, die dafür wichtig sind, im Kurzüberblick:

  • Warenverkehr und Transport

    • Stichwort Zölle

      Wird kein anderweitiges Abkommen geschlossen, gelten ab dem Brexit-Datum für den Warenverkehr mit Großbritannien das EU-Zollrecht sowie die europäischen und nationalen Vorschriften für den Import und Export von Waren aus bzw. in Drittländer. Es könnten also Zölle anfallen und es müssen entsprechende Genehmigungen beantragt werden. Das erfordert zusätzliche entsprechend ausgebildete Mitarbeiter. „Allein bei den nach dem Brexit erforderlichen Zollanmeldungen rechnen wir mit Bürokratiekosten für die Unternehmen von mindestens 200 Millionen Euro“, sagt DIHK-Außenwirtschaftschef Treier. Zudem muss mit deutlich längeren Abfertigungszeiten im Warenverkehr mit dem Vereinigten Königreich gerechnet werden. Das könnte insbesondere für jene Unternehmen Probleme aufwerfen, die „just in time“ arbeiten. Sie müssen ggf. ihre Lagerbestände deutlich erhöhen.

    • Stichwort Logistik

      Laut den Regelungen zum Erbringen von Transportdienstleistungen durch ausländische Verkehrsunternehmen (Kabotage) in der EU dürfen nur Logistikunternehmen mit Sitz in der EU ohne zusätzliche Genehmigung Waren in andere EU-Staaten liefern (das Gleiche gilt für Transporte innerhalb Großbritanniens). Unternehmen müssen sich also ggf. neue Logistikdienstleister suchen.

    • Stichwort Standards

      Mittel- bis langfristig könnten die britischen Behörden ein von den EU-weit geltenden Standards abweichendes Regelwerk aufstellen, etwa für die Kennzeichnung oder Hygiene von Lebensmitteln. Das würde neue Prüf- und Zertifizierungsanforderungen erforderlich machen mit entsprechenden Kosten. Ein Beispiel: Bei einem ungeordneten Brexit erlischt auch das Abkommen zwischen der britischen Luftsicherheitsbehörde und der europäischen EASA über die gegenseitige Anerkennung von Sicherheitszertifikaten. Sollte kein neuer Deal gefunden werden, droht Airbus laut dem „Handelsblatt“ schlimmstenfalls ein Auslieferungsstopp.

  • Finanzdienstleistungen

    • Stichwort Finanzdienstleistungen

      Der Zugang zu einigen Bankdienstleistungen könnte vor allem bei einem harten Brexit kurzfristig eingeschränkt sein. Das betrifft laut der Fachzeitschrift „Finance Magazin“ vor allem die Absicherung von Zins- und Währungsrisiken, denn diese Geschäfte werden von den meisten Großbanken aus London heraus gesteuert. Viele Banken hinken laut „Finance Magazin“ mit ihren Brexit-bedingten Umzugsplänen hinterher. Unternehmen sollten bei ihrem Finanzdienstleister nachfragen, ob sie betroffen sind.

    • Stichwort Investorenschutz

      Der unionsrechtliche Schutz für europäische Investoren wird mit dem Brexit wegfallen. Dieser Schutz beinhaltet das allgemeine Gebot der Nichtdiskriminierung, Garantien hinsichtlich Marktzugang und das Verbot der Beschränkung des Kapital- und Zahlungsverkehrs. Wer weiterhin in Großbritannien investieren möchte, muss darauf vorbereitet sein.

    • Stichwort Versicherungen

      Versicherungsunternehmen aus Großbritannien gelten ab dem Brexit-Datum als Versicherungsunternehmen aus Drittstaaten. Sie unterliegen damit nicht mehr dem europäischen Versicherungsaufsichtssystem Solvency II. Unternehmen sollten ggf. den Wechsel ihres Versicherungsanbieters in Betracht ziehen.

  • Steuern & Recht

    • Stichwort Mutter-Tochter-Richtlinie

      2.500 deutsche Firmen mit 400.000 Mitarbeitern sind in Großbritannien vertreten, Großkonzerne genauso wie unzählige kleinere Betriebe. Allein 28 der 30 deutschen Dax-Konzerne besitzen mindestens eine Tochtergesellschaft auf den Britischen Inseln. Derzeit erleichtert die sogenannte EU-Mutter-Tochter-Richtlinie die grenzüberschreitende Zahlung von Gewinnausschüttungen zwischen verbundenen Unternehmen. Die Richtlinie gibt vor, dass es zu keinem Quellensteuerabzug beim zahlenden Unternehmen bzw. zu keiner Mindestbesteuerung beim empfangenden Unternehmen kommen darf. Diese Richtlinie entfällt nach dem Brexit. Es kann dadurch zu zusätzlichen Steuerbelastungen kommen.

    • Stichwort Umsatzsteuer

      Nach dem Austritt aus der EU ist das Vereinigte Königreich nicht mehr Teil des gemeinsamen EU-Mehrwertsteuersystems und nicht mehr zur Anwendung der gemeinsamen Umsatzsteuersystemrichtlinie und der Einhaltung der Höchst- oder Mindestumsatzsteuersätze verpflichtet. Das kann ebenfalls zu höheren Kosten und bürokratischem Aufwand führen.

    • Stichwort Limited

      Nach dem Brexit wird die britische Gesellschaftsform Limited in Deutschland als Personengesellschaft behandelt werden. Die beschränkte Haftung entfällt dann.

Risiken auch bei den Wechselkursen

Nicht zuletzt drohen insbesondere bei einem ungeordneten Brexit Gefahren durch stark schwankende Wechselkurse. Seit dem Brexit-Votum im Juni 2016 hat das britische Pfund im Vergleich zum Euro bereits rund 15 Prozent nachgegeben (Stand: Ende September 2018). „Unternehmen, die auch weiterhin erfolgversprechende Geschäftsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich pflegen möchten, sollten jetzt unbedingt die Politik ihres Hauses im Umgang mit Währungsrisiken auf den Prüfstand stellen“, warnt Matthias Ringler, Abteilungsleiter für Zins- und Währungsmanagement bei der Postbank in Luxemburg. Mehr dazu lesen Sie im folgenden Interview.

Interview

Firmen sollten ihr Worst-Case-Szenario definieren!

Matthias Ringler,
Abteilungsleiter für Zins- und Währungsmanagement bei der Postbank in Luxemburg

  • Interview lesen

    Perspektiven: Welche Gefahren drohen Unternehmen, die Fremdwährungsgeschäfte mit Partnern im Vereinigten Königreich machen, durch den Brexit?

     

    Matthias Ringler: Das britische Pfund könnte insbesondere infolge eines ungeordneten Brexits massiv abwerten. Gefahren in finanzieller Hinsicht ergeben sich dadurch nicht nur bei den laufenden Einnahmen im Rahmen von Exportgeschäften. Große Schwierigkeiten könnten vor allem Unternehmen bekommen, die Tochterunternehmen oder Beteiligungen auf den Britischen Inseln haben. Da können ganze Geschäftsmodelle den Bach runtergehen, zum Beispiel, wenn ein großer Teil der Marge am Devisenkurs hängt oder wenn Intercompany-Darlehen plötzlich viel weniger wert sind.

     

    Perspektiven: Wie können sich Unternehmen gegen Währungsrisiken absichern?

     

    Matthias Ringler: Das Mittel der Wahl zur Absicherung von Währungsrisiken sind seit jeher die Instrumente des klassischen Währungsmanagements wie Devisentermingeschäfte oder Devisenoptionen. Im Trend liegen zudem strukturierte Termingeschäfte. Mit ihnen lassen sich unter anderem Worst-Case-Szenarien zur Absicherung definieren, also die denkbar ungünstigste Entwicklung am Devisenmarkt für das jeweilige Währungspaar, und gleichzeitig Partizipationsmöglichkeiten an positiven Kursentwicklungen generieren

     

    Perspektiven: Haben Ihre Kunden die Risiken eines harten Brexits im Blick?

     

    Matthias Ringler: Grundsätzlich haben unsere Kunden, wenn sie sich in Fremdwährungen bewegen, ihre Risiken im Blick. Aber wenn der Kopf sagt, ich müsste jetzt eigentlich mehr tun, sagt der Bauch oft: Ach, so schlimm wird es schon nicht kommen. Ich empfehle allen Unternehmen, die geschäftlich mit dem Vereinigten Königreich verbunden sind, mit den Währungsexperten ihrer Hausbank zu sprechen, um gemeinsam zu einer realistischen Einschätzung der drohenden Risiken zu kommen und entsprechende Absicherungsszenarien zu diskutieren. Abwarten und Tee trinken ist beim Brexit keine Option.

  • Linkliste

    Hier bekommen Unternehmen Unterstützung für die Brexit-Vorbereitungen

     

    Der DIHK hat einen Online-Brexit-Check zusammengestellt, der Unternehmen dabei unterstützt, rechtzeitig Maßnahmen zu ergreifen.

     

    Ebenfalls vom DIHK gibt es ein kostenloses Glossar, das die wichtigsten Begriffe rund um den Brexit erklärt.

     

    Einen Themenschwerpunkt Brexit hat die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft und Standortmarketing Germany Trade and Invest auf ihrer Homepage eingerichtet. Dort gibt es regelmäßig aktualisierte Informationen.

  • Bildnachweise

    Aufmacher: iStockphoto / Upyanose; Foto: Postbank (1); Grafik: HMC

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