Perspektiven

Unternehmen unter Strom

Steigende Energiepreise setzen viele Unternehmen unter Druck. Eine Alternative auch für kleinere und mittlere Betriebe kann die Eigenproduktion von Strom sein – etwa mittels Photovoltaik, Windkraft oder durch ein Blockheizkraftwerk.

Energieeffizienz

chon von Weitem ist zu sehen, dass hier nicht nur Autos mit Elektroantrieb produziert werden, sondern auch Strom für deren Herstellung: Vier riesige Windräder ragen seit 2013 vor dem BMW-Werk Leipzig in den Himmel. Drei Viertel des Strombedarfs der Automobilfabrik werden laut Unternehmensangaben von diesen Giganten gedeckt. Seit dem Oktober 2017 speichert der Autohersteller den so gewonnenen Strom in einer eigenen Speicherfarm. Die wiederum besteht aus bis zu 700 miteinander vernetzten ausgedienten Batterien des vollelektrischen BMW i3, der in Leipzig produziert wird. Bei BMW geht man davon aus, dass die Akkus so noch einmal zehn Jahre genutzt werden können, bevor sie endgültig recycelt werden müssen.

 

So wie der bayerische Autobauer produzieren immer mehr Stromverbraucher in Handel, Gewerbe und Industrie ihren Strom einfach selbst. Kein Wunder, ist doch einem aktuellen Artikel in der Wirtschaftswoche Online zufolge der durchschnittliche Strompreis für Industrie, Gewerbe und Dienstleistungen in Deutschland seit 2000 um 184 Prozent auf derzeit 17,2 Cent pro Kilowattstunde gestiegen. Vor allem Umlagen wie die EEG-Umlage und Steuern treiben die Stromkosten in die Höhe; sie machen mittlerweile gut die Hälfte des Strompreises aus. Nur etwa 5 Prozent der Unternehmen sind von der EEG-Umlage befreit.

 

Stromkosten halbiert

Die firmeneigene Stromproduktion bietet sich nicht nur für große Unternehmen an. Das zeigt das Beispiel des mittelständischen Autohauses Darmas in Recklinghausen. Der Betrieb mit insgesamt zehn Standorten und rund 220 Mitarbeitern versorgt sich am Standort Recklinghausen mittlerweile zur Hälfte mit eigenem Strom. Die Hebebühnen in der Werkstatt, die Computer in den Büros oder die LED-Anlage im Showroom – all das wird angetrieben mit selbst produzierter Energie aus einer Photovoltaikanlage mit 130 Modulen auf dem Dach der Werkstatthalle. 2015 ging die Solaranlage ans Netz. Prokurist Christian Rachner ist hochzufrieden: „Seither sind unsere Stromkosten um die Hälfte gesunken.“

 

Im Fokus: Photovoltaikanlagen und Blockheizkraftwerke

Laut dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) nimmt mittlerweile fast jedes fünfte deutsche Unternehmen die Stromerzeugung zumindest teilweise selbst in die Hand. Viele andere überlegen, dies künftig zu tun. Im Fokus stehen dabei vor allem die Solarstromerzeugung über Photovoltaikanlagen und die Kraft-Wärme-Kopplung in Blockheizkraftwerken (BHKW), die neben Strom auch Wärme erzeugt.

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  • Photovoltaik

    Solarstrom in Eigenproduktion wird für Unternehmen immer attraktiver. Denn während die Strompreise der Energieversorger steigen, sinken die Kosten für Photovoltaikanlagen. Mittlerweile ist die Erzeugung eigenen Sonnenstroms teils deutlich günstiger als der Strom aus dem Netz.

     

    Da die Vergütung für den ins öffentliche Netz eingespeisten Strom seit Jahren kontinuierlich sinkt, sind es heute nicht mehr die Zuschüsse für Ökostrom, die eine Solaranlage interessant machen, sondern der Eigenverbrauch. Vereinfacht gesagt: Je mehr selbst erzeugten Solarstrom ein Unternehmen verbraucht, desto eher rechnet sich die Investition – vom ökologischen Nutzen mal ganz abgesehen.

     

    Im Falle des Recklinghausener Autohauses funktioniert dies auf geradezu ideale Weise: Die Mechaniker in der Werkstatt beginnen morgens um 8 Uhr mit der Arbeit, die Verkaufsstellen sind bis abends 19 Uhr geöffnet. So können fast alle Sonnenstunden des Tages genutzt und der eigene Strom ohne Zwischenspeicherung verbraucht werden.

  • Kraft-Wärme-Kopplung

    Ein Blockheizkraftwerk bzw. Mini-Blockheizkraftwerk ist besonders interessant, wenn im Betrieb nicht nur Strom, sondern auch konstant viel Wärme benötigt wird. Denn Blockheizkraftwerke erzeugen gleichzeitig Strom und Wärme. Dieses System der Energieerzeugung und -nutzung heißt Kraft-Wärme-Kopplung (KWK). Dabei wird sowohl die vom Motor erzeugte mechanische Energie (Kraft) als auch die beim Antrieb des Generators durch den Motor freiwerdende thermische Energie (Wärme) genutzt. Wie das genau funktioniert, zeigt ein Video der Energieagentur NRW:

Lohnende Investition

Am Anfang der Eigenstromversorgung stehen naturgemäß Investitionen, zumeist in mindestens fünfstelliger Höhe. Wie schnell sie sich amortisieren, hängt natürlich insbesondere von der Strompreisentwicklung ab. Das Autohaus Darmas in Recklinghausen etwa nahm knapp 45.000 Euro für das neue Solardach in die Hand. „Diese Kosten werden sich spätestens nach acht Jahren amortisiert haben“, sagt Prokurist Rachner.

 

Ein Blockheizkraftwerk kostet in der kleinsten Form, auch Mini-Blockheizkraftwerk genannt, ab ca. 25.000 Euro. Ob die Anlage wirtschaftlich läuft, hängt von vielen Faktoren ab, etwa von dem Anschaffungspreis, der jährlichen Nutzungsdauer sowie der Entwicklung der Strom- und Brennstoffpreise – für den Betrieb des Motors ist ein extern zugeführter Brennstoff erforderlich. Die Amortisationszeit liegt hier in der Regel bei vier bis sechs Jahren. Bei der Entscheidung, ob sich ein BHKW lohnt, sollten sich Unternehmer von einer professionellen Energieberatung unterstützen lassen.

 

Kleiner Wermutstropfen: Auch wer mit einer Anlage zur Kraft-Wärme-Kopplung Strom erzeugt und diesen selbst verbraucht, muss dafür die EEG-Umlage zahlen. Für KWK-Anlagen, die seit dem 1. August 2014 neu in Betrieb genommen wurden oder erstmals eine Eigenversorgung aufgenommen hatten, mussten bisher 40 Prozent der Umlage abgeführt werden. Aufgrund einer Entscheidung der EU-Kommission entfällt diese Regelung seit dem 1. Januar 2018. Entsprechend müssen Nutzer nun die vollständige Umlage in Höhe von 6,79 Cent/kWh an den Stromnetzbetreiber abführen. Eine Ausnahme gibt es nun nur noch für kleine Anlagen unter 10 kW. Sie genießen für Strommengen bis 10.000 kWh pro Jahr weiterhin eine 60-prozentige EEG-Umlagebefreiung.

Wie Unternehmen selbst Strom erzeugen

Ausgewählte Beispiele aus der Broschüre „Eigenversorgung mit Strom in Gewerbe und Industrie“ der Energieagentur NRW.

Mit staatlicher Förderung

Die staatliche KfW Bank vergibt vergünstigte Kredite für die Investition in Photovoltaik- und Windkraftanlagen sowie Blockheizkraftwerke. Mehr dazu erfahren Sie hier. Voraussetzung bei Letzteren ist, dass diese mit erneuerbaren Brennstoffen betrieben werden, also etwa mit Biomasse oder Biogas.

 

Wird als Ergänzung zu einer Anlage zur Solarstromerzeugung auch in einen Batteriespeicher investiert, gibt die KfW zusätzlich zum günstigen Kredit attraktive Tilgungszuschüsse in Höhe von bis zu 10 Prozent der Kreditsumme. Mehr dazu erfahren Sie hier.

 

Zusätzlich zu den KfW-Programmen für Unternehmen gibt es weitere Förderprogramme von Bund, Ländern, Kommunen und Energieversorgungsunternehmen, durch die insbesondere BHKW gefördert werden. Interessant sind vor allem die Zuschüsse für den Bau von Mini-Blockheizkraftwerken des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA).

 

Die Postbank unterstützt ihre Geschäftskunden bei der Umsetzung von Energiesparmaßnahmen unter anderem mit dem Postbank Business Kredit. Mehr Informationen dazu erhalten Sie unter Tel. 0228 55 00 44 44 oder bei Ihrem Berater.

 

Projekte mit Zukunft

Bei BMW ist bereits das nächste Projekt zur Eigenstromversorgung in Bau: Das Werk im chinesischen Shenyang wird derzeit mit einer Photovoltaikanlage mit 7,3 Megawatt Leistung ausgerüstet.

Und auch beim Autohaus Darmas wird die Stromerzeugung Marke Eigenbau weiter ausgebaut. Mittlerweile schmückt auch die Zentrale in Herne eine Solaranlage; peu à peu sollen alle Filialen des Unternehmens mit Photovoltaikzellen ausgestattet werden. „Die Energiekosten werden langfristig deutlich steigen“, sagt Prokurist Christian Rachner. „Deshalb haben wir uns entschieden, uns beim Strom so weit wie möglich unabhängig zu machen.“ Und mit dieser Unabhängigkeit, so fügt er nicht ohne Stolz hinzu, tue man ja schließlich auch noch aktiv etwas für die Umwelt.

  • Bildnachweise

    Aufmacher: iStockphoto / LL28; Fotos: iStockphoto / Lara_Uhryn, MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG

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