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Fachkräfteeinwanderungsgesetz

Ein Schritt in die richtige Richtung

Mit der erwarteten Konjunkturerholung nach dem Abklingen der Coronavirus-Pandemie dürfte der Fachkräftemangel wieder für mehr Betriebe zur Herausforderung werden. Erleichterung könnte das bereits im März 2020 in Kraft getretene Fachkräfteeinwanderungsgesetz bringen.

Bei ModuleWorks in Aachen herrscht in Sachen Mitarbeiter seit jeher Vielfalt: Mehr als ein Drittel kommt aus dem Ausland, jeder vierte aus einem Staat außerhalb der EU, einem sogenannten Drittstaat. „Wir sind seit unserer Gründung 2011 international aufgestellt“, sagt Jens Beissel, Personalchef des IT-Unternehmens, das weltweit rund 200 Mitarbeiter beschäftigt. Die Firmensprache ist Englisch, die Produkte, Softwarelösungen hauptsächlich für den Maschinenbau, werden auf der ganzen Welt vertrieben. In der Firmenzentrale in Aachen empfindet man es als große Bereicherung, dass dort Menschen aus Indien und der Ukraine, aus Russland und China mit ihren deutschen Kollegen zusammenarbeiten.

 

Bei der Rekrutierung von Fachkräften aus Drittstaaten setzt ModuleWorks vor allem auf persönliche Referenzen. An Bewerbern herrscht dank des guten Rufs des Unternehmens kein Mangel. Die Schwierigkeiten beginnen bei der Einstellung: „Da hängt schon sehr viel Bürokratie dran“, sagt Beissel. Ein häufiges Problem sei die mangelnde Abstimmung der beteiligten Behörden. Da wisse der eine häufig nicht, was der andere tut, so Beissels Erfahrung.

 

Erleichterung erhoffen sich Personaler wie Jens Beissel vom Fachkräfteeinwanderungsgesetz (FEG), das am 1. März 2020 in Kraft getreten ist. Das Gesetz soll es vor allem beruflich Qualifizierten aus Drittstaaten erleichtern, in Deutschland zu arbeiten. Aufgrund der Coronavirus-Pandemie konnte es seine Wirkung noch nicht voll entfalten. Dennoch haben die deutschen Auslandsvertretungen im Zeitraum vom 1. März bis 31. Dezember 2020 fast 30.000 Visa an qualifizierte Fachkräfte und Auszubildende aus Drittstaaten erteilt. Mit dem Voranschreiten der weltweiten Impfkampagnen könnte die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland weiter an Fahrt aufnehmen.

 

Das ist auch dringend notwendig: Jedes zweite Unternehmen berichtete laut dem DIHK Fachkräftereport 2021 von Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung. Mehr als jedes zehnte Unternehmen möchte künftig gezielt Fachkräfte aus Nicht-EU-Ländern anwerben. Genau hier setzt das FEG an, indem es zum Beispiel die Fachkräftezuwanderung von Ausländern ohne Hochschulabschluss aus Drittländern erleichtert.

Was sich mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz ändert

  • Fachkraft auch ohne Hochschulabschluss

    Durch das Gesetz soll die Zuwanderung von beruflich qualifizierten Ausländern erleichtert werden. Der Begriff Fachkraft wurde deshalb auf Personen mit qualifizierter Berufsausbildung erweitert. Zuvor wurden darunter nur Menschen mit Hochschulabschluss verstanden.

  • Aufenthaltstitel für Jobsuchende

    Neben Hochschulabsolventen können nun auch beruflich Qualifizierte einen Aufenthaltstitel für sechs Monate erhalten, um einen Arbeitsplatz in Deutschland zu suchen. Dafür müssen sie eine geeignete Berufsausbildung und einen gesicherten Lebensunterhalt nachweisen sowie über gute deutsche Sprachkenntnisse verfügen (Niveau B1). Ausbildungsinteressierte aus Drittstaaten dürfen höchstens 25 Jahre alt sein und müssen neben ausreichenden Mitteln zur Sicherung ihres Lebensunterhalts über Deutschkenntnisse auf dem Niveau B2, den Abschluss einer deutschen Auslandsschule oder einen Schulabschluss, der zum Hochschulzugang berechtigt, verfügen. Fachkräften, die einer qualifizierten Beschäftigung nachgehen, kann nach zwei Jahren Erwerbstätigkeit ein unbefristeter Aufenthalt ermöglicht werden, falls sie die Ausbildung in Deutschland absolviert haben. Wer einen ausländischen Berufsabschluss hat, kann die unbefristete Aufenthaltserlaubnis nach vier Berufsjahren in Deutschland erhalten.

  • Verzicht auf Vorrangprüfung

    Bei der Beschäftigung von Fachkräften aus dem Ausland entfällt die sogenannte Vorrangprüfung. Bislang wurde, bevor ein Aufenthaltstitel ausgestellt wurde, von der Bundesagentur für Arbeit geprüft, ob es bevorrechtigte Bewerber aus Deutschland oder dem EU-Ausland gibt. Erst wenn dies nicht der Fall war, durften ausländische Fachkräfte in Deutschland eingestellt werden.

  • Mangelnachweis nicht mehr nötig

    Bislang durften Unternehmen nur ausländische Fachkräfte in sogenannten Engpassberufen beschäftigen. Um welche Berufe es sich dabei handelt, ging aus einer Positivliste hervor, die häufig nicht den aktuellen Fachkräftemangel widerspiegelte. Diese Beschränkung entfällt ab sofort.

  • Beschleunigtes Verfahren

    Der Arbeitgeber kann – bevollmächtigt durch die Fachkraft aus dem Ausland – ab sofort ein beschleunigtes Antragsverfahren bei der zentralen Ausländerbehörde seines Bundeslandes in Gang setzen. Die Gebühr dafür beträgt 411 Euro. Unter der Voraussetzung, dass alle erforderlichen Unterlagen vorliegen, werden damit die gewöhnlichen Fristen zur Visumvergabe und zur Erteilung des Aufenthaltstitels verkürzt.

Ausländische Fachkräfte anwerben – so geht’s
Wer Fachkräfte aus dem Nicht-EU-Ausland anwerben möchte, kann sich an den internationalen Personalservice der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit wenden. Ansprechpartner ist die zuständige Beratungsfachkraft im Arbeitgeberservice. Wer das im konkreten Fall ist, kann unter der Telefonnummer 0800 4555520 erfragt werden. Weitere Informationen gibt es unter den folgenden Links.

  • Linkliste

    Nützliche Informationen, nach Branchen wie etwa Pflege und Gastronomie gestaffelt, gibt es auf der Website der Bundesagentur für Arbeit.

    Einen guten Überblick mit Praxisbeispielen und vielen Informationen darüber, was bei der Einstellung ausländischer Fachkräfte zu beachten ist, verschafft auch das von der Bundesregierung eingerichtete Portal „Make it in Germany“, das sich eigentlich an Bewerber richtet.

    Speziell an kleinere und mittlere Unternehmen, die sich für die Einstellung ausländischer Fachkräfte interessieren, richtet sich die Website des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA).

     

    Die Europäische Kommission unterstützt Unternehmen mit dem neuen Europass-Portal bei der Gewinnung von Fachkräften aus dem EU-Ausland.

Integrieren und profitieren
Unternehmer, die auf Fachkräfte aus dem Ausland setzen, sollten diese nicht nur beim Bewerbungsverfahren unterstützen, sondern auch darüber hinaus. Denn je besser die Integration, desto größer die Chance, dass aus dem „Gastarbeiter“ eine dauerhafte Unterstützung wird.

 

Beim Aachener IT-Unternehmen ModuleWorks wird deshalb auch das Thema Integration großgeschrieben: „Wir lassen niemanden allein, der zu uns kommt, sondern wir unterstützen ihn umfassend“, sagt Personalchef Jens Beissel. Das reicht von der Hilfe bei Behördengängen über die Vermittlung von Sprachkursen bis zur übergangsweise zur Verfügung gestellten Wohnung. Und: Alle Arbeitnehmer bekommen unbefristete Verträge, wie die deutschen Mitarbeiter auch. „Damit bei denen, die zu Hause alles aufgegeben haben, nicht nach zwei oder drei Jahren in Deutschland das große Zittern beginnt.“

Interview

„Bei vielem, was jetzt im Gesetz steht, wird sich erst in der Praxis zeigen, wie es wirklich wirkt.“

Dr. Stefan Hardege,
Referatsleiter Arbeitsmarkt und Zuwanderung beim DIHK

  • Interview lesen

    Perspektiven: Wird das Fachkräfteeinwanderungsgesetz tatsächlich die Einwanderung ausländischer Fachkräfte verbessern?

     

    Dr. Stefan Hardege: Grundsätzlich ist das Gesetz ein Schritt in die richtige Richtung. Für Hochschulabsolventen hatten wir ja schon relativ liberale Zuwanderungsregeln, die hat man jetzt ausgeweitet auf Menschen mit beruflicher Qualifikation. Gerade in diesem Bereich haben viele Unternehmen einen deutlichen Fachkräfteengpass. Deshalb ist es gut, dass man jetzt die Zuwanderung beruflich Qualifizierter erleichtert. Hilfreich ist zum Beispiel, dass die Positivliste der Engpassberufe wegfällt, denn da hat die Praxis gezeigt, dass sie nicht immer alle relevanten Berufe enthalten hat. Jetzt können grundsätzlich erst mal alle Fachkräfte mit einer passenden Berufsqualifikation und einem Arbeitsvertrag herkommen. Mit der Vorrangprüfung fällt außerdem eine große bürokratische Hürde für die Unternehmen weg. Wie viele Fachkräfte nun tatsächlich kommen, muss man abwarten. Ein Problem könnte der Nachweis einer dem deutschen Ausbildungssystem gleichwertigen Ausbildung sein. Da die duale Ausbildung in Deutschland weltweit recht einzigartig ist, rechnen wir damit, dass die vollständige Gleichwertigkeit oftmals nicht gegeben ist. Wichtig wird daher sein, dass man die neuen Zuwanderungsmöglichkeiten auch mit teilweiser Gleichwertigkeit und Nachqualifizierung in Deutschland unbürokratisch und flexibel umsetzt.

     

    Perspektiven: Welche Unternehmen können von den Neuregelungen besonders profitieren?

     

    Dr. Stefan Hardege: Im Prinzip können alle Unternehmen profitieren, die beruflich Qualifizierte aus Drittstaaten einstellen möchten. Einen Fachkräfteengpass gibt es derzeit vor allem bei technischen Berufen. Im IT-Bereich gibt es daher jetzt sogar eine Sonderregelung: Menschen, die keine formal gleichwertige Ausbildung nachweisen können, dürfen trotzdem eingestellt werden, wenn sie über eine passende ausgeprägte Berufserfahrung verfügen. Grundsätzlich ist das Gesetz auch für kleinere Unternehmen von Wert, wenngleich die Anwerbung von Arbeitnehmern im Ausland nach wie vor mit einem erheblichen Aufwand verbunden ist. Das Gesetz erleichtert zwar an manchen Stellen die Zuwanderung, ist aber nicht deutlich unbürokratischer geworden als bislang. Bei vielem, was jetzt im Gesetz steht, wird sich erst in der Praxis zeigen, wie es wirklich wirkt. Vor allem kleinere Unternehmen benötigen hier sicher Unterstützung. Fast jedes dritte Unternehmen wünscht sich mehr Begleitung im Prozess der Fachkräftegewinnung aus Drittstaaten.

     

    Perspektiven: Wo können Unternehmen künftig Unterstützung bekommen?

     

    Dr. Stefan Hardege: Da gibt es unterschiedliche Wege. Beratung können zum Beispiel die örtlichen Industrie- und Handelskammern geben. Es gibt dort auch bereits entsprechende Veranstaltungen. Aber es entstehen auch neue Möglichkeiten. So plant der DIHK gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium und der Bundesagentur für Arbeit, die neuen Prozesse in einem Pilotprojekt zu erproben und interessierte Unternehmen konkret zu unterstützen. Schließlich ist es ja nicht so einfach, als kleines Unternehmen direkt im Ausland zu suchen und den oder die zu finden, die man braucht. Auch weitere Akteure, etwa die Ausländerbehörden, werden neue Strukturen aufbauen, damit die neuen gesetzlichen Regeln Wirkung entfalten können.

  • Bildnachweise

    Aufmacher: iStockphoto (fstop123); Interview: DIHK

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