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Finanzierung

„Factoring ist mehr denn je ein wichtiger Bestandteil des Risikomanagements“

Factoring gilt vielen Unternehmen längst als etablierter Finanzierungsbaustein. Wir haben Dinko Mehmedagic, Geschäftsführer der PB Factoring GmbH, zu den Vorteilen des Forderungsverkaufs insbesondere in Krisenzeiten befragt.

Perspektiven: Kern des Factoring-Geschäfts ist die Umwandlung von Forderungen in Liquidität. Wie hat sich diese Form der Finanzierung im Verlauf der Coronavirus-Pandemie entwickelt?

 

Dinko Mehmedagic: Factoring ist zunächst einmal eine umsatzkongruente Finanzierungsform. Mit Blick auf die Liquiditätsversorgung in der Corona-Krise muss man hier eine Zweiteilung vornehmen. Auf der einen Seite gibt es Factoring-Kunden, deren Geschäfte nach Ausbruch der Pandemie weitestgehend normal weiterliefen. Diese konnten sich in gewohntem Maße über den Forderungsverkauf mit Liquidität versorgen. Mehr noch: In Branchen, in denen die Umsätze coronabedingt sogar anzogen, etwa bei den Zulieferern des Lebensmitteleinzelhandels oder der Pharmabranche (siehe auch Fallbeispiel Pharmagroßhandel, d. Red.), legte auch die Liquiditätsversorgung über Factoring entsprechend zu. Auf der anderen Seite haben wir Unternehmen mit starken Umsatzeinbrüchen. Ihnen standen plötzlich weniger Forderungen zum Verkauf zur Verfügung – entsprechend sank bei ihnen der Anteil der aus dem Factoring zur Verfügung stehenden Liquidität. Bei Kunden bestimmter Branchen, etwa im Bereich der Automobilzulieferer, haben wir diesbezüglich ab dem zweiten Quartal 2020 einen deutlichen Einbruch erlebt. Diese Unternehmen müssen, bis ihre Umsätze wieder anziehen, zur Liquiditätsversorgung vermehrt auf andere Quellen ausweichen, etwa auf existierende Kreditlinien bei ihren Banken oder die Hilfskredite aus dem KfW-Sonderprogramm.

 

Perspektiven: Entstehen Factoring-Kunden vertragliche Nachteile, wenn sich ihr Forderungsvolumen verringert?

 

Dinko Mehmedagic: Nein. Es gibt unterjährige Schwankungen beim Forderungsvolumen der Kunden, je nach der Saisonalität des Kundengeschäfts. Das hat Auswirkungen auf das Forderungsvolumen, das finanziert werden kann, aber keine vertraglichen Nachteile für den Kunden.

 

Perspektiven: Neben der flexiblen Versorgung mit Liquidität ist die Möglichkeit, sich gegen Forderungsausfälle abzusichern, ein weiterer Vorteil des Factorings – auch ein wichtiger Aspekt in der aktuellen Situation ...

 

Dinko Mehmedagic: Absolut richtig! Beim sogenannten echten oder „True-Sale-Factoring“ wird das Delkredererisiko zu 100 Prozent von der Factoring-Gesellschaft, also dem Factor, übernommen. Auf diese Weise ist Factoring jetzt mehr denn je ein wichtiger Bestandteil des Risikomanagements. Seit dem Beginn der Pandemie verzeichnen wir eine erhöhte Nachfrage von Unternehmen, die sich genau aus diesem Grund für Factoring interessieren. Darüber hinaus bitten Käufer ihre Lieferanten gerade in finanziell schwierigen Zeiten häufig um eine Ausweitung der Zahlungsziele. Auch hier ist Factoring eine gute Lösung, denn wir gewährleisten dem Lieferanten zu überschaubaren Kosten die Liquidität am Tag des Forderungsverkaufs und seinem Kunden die gewünschte Verlängerung des Zahlungsziels. Zudem können die Factoring-Kunden das Forderungsmanagement an den Factor auslagern und so ihr Rechnungswesen entlasten. Man spricht dann vom Full-Service-Factoring. Zu guter Letzt sorgt der Forderungsverkauf für Pluspunkte im Hinblick auf die Kreditaufnahme, denn in der Bilanz verringert sich damit die Position Forderungen aus Lieferungen und Leistungen zugunsten der Liquidität. Die dadurch verbesserten Kennzahlen sorgen unterm Strich für bessere Finanzierungsbedingungen.

 

Perspektiven: Haben sich die Anforderungen an Unternehmen, die jetzt einen Factoring-Vertrag abschließen wollen, durch die Coronavirus-Krise verändert?

 

Dinko Mehmedagic: Das kann man pauschal so nicht sagen. Inwieweit und zu welchen Konditionen Factoring für ein Unternehmen infrage kommt, hängt von seiner aktuellen Situation und der Lage seiner Debitoren ab. Ein kleinerer Automobilzulieferer dürfte es hier derzeit schwerer haben als zum Beispiel ein Pharmaunternehmen. Letztlich ist das aber immer vom Einzelfall abhängig. Unterschiede gibt es übrigens auch bei den Factoring-Anbietern: Manch einer hat in den vergangenen Monaten mangels Refinanzierungsmöglichkeit gar kein Neugeschäft akzeptieren können.

 

Perspektiven: Welche Voraussetzungen muss ein Unternehmen erfüllen, das mit Ihnen einen Factoring-Vertrag schließen möchte?

 

Dinko Mehmedagic: Grundsätzlich kann jedes Unternehmen, das über ausreichende Forderungen aus Warenlieferungen oder Dienstleistungen verfügt, die frei von Rechten Dritter sind, Factoring nutzen. Die PB Factoring GmbH hat als Teil der neu geschaffenen Unternehmensbank im Deutsche-Bank-Konzern Firmenkunden ab einem Außenumsatz von zum Beispiel 5 Millionen Euro genauso im Portfolio wie große Konzerne mit Milliardenumsätzen. Letztlich gilt auch hier: Entscheidend ist die Einzelprüfung. Die erste Anlaufstelle für einen Postbank oder Deutsche Bank Firmenkunden ist sein Firmenkundenbetreuer beziehungsweise seine Firmenkundenbetreuerin. Dieser oder diese wird mit ihm erörtern, inwieweit der Forderungsverkauf eine Lösung zur Stärkung seines Working-Capital-Managements sein kann. Dabei kann gegebenenfalls auch ein Spezialist oder eine Spezialistin der PB Factoring GmbH hinzugezogen werden. Wer nicht Kunde der Postbank oder der Deutschen Bank ist, kann sich natürlich auch direkt an uns wenden.

 

Perspektiven: Wie lange dauert es in der Regel vom Erstkontakt bis zur ersten Auszahlung?

 

Dinko Mehmedagic: Bei uns beträgt die durchschnittliche Umsetzungsperiode sechs bis acht Wochen. Je nach Komplexität kann es auch mal schneller gehen oder etwas länger dauern. Bei der bilanzwirksamen Abtretung von Forderungen mehrerer Auslandstöchter in unterschiedlichen Ländern braucht es zum Beispiel etwas mehr Zeit. Da müssen gemeinsam mit dem Kunden erst individuelle Lösungen erarbeitet werden. Dabei geht es nicht zuletzt um rechtliche Fragen. Hier hängt in Sachen Timing auch viel von der Kapazität auf Kundenseite ab.

 

Perspektiven: Was unterscheidet die PB Factoring GmbH von ihren Mitbewerbern?

 

Dinko Mehmedagic: Als Teil des Deutsche-Bank-Konzerns stehen uns sehr gute Möglichkeiten zur Refinanzierung in allen gängigen Währungen zur Verfügung. Dadurch sind wir ein äußerst stabiler Finanzierungspartner für unsere Bestandskunden und auch in schwierigen Zeiten in der Lage, Neugeschäft zu akquirieren. Besonders wichtig ist für uns das Thema Digitalisierung: Dank unserer innovativen technischen Plattform bieten wir alle gängigen Factoring-Varianten an. Eines unserer besonderen Alleinstellungsmerkmale ist, dass wir für ein einziges Unternehmen viele Tausend Debitoren sicher managen – und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa und anderen relevanten Märkten. Unser webbasiertes Kundenportal ist einfach zu bedienen und natürlich global zugänglich. Und wir investieren weiter intensiv in unsere Technik. Aktuell arbeiten wir an neuen Dashboard-Funktionen: Unter anderem wird es künftig eine Vielzahl individueller Reporting-Möglichkeiten geben. Hinzu kommen neue Webservices, weitere europäische Sprachen und vieles mehr. Bei aller Digitalisierung und Automatisierung hat der Kunde natürlich immer seinen persönlichen Ansprechpartner. Denn auch, wenn sich vieles digital bewerkstelligen lässt: Der persönliche Kontakt ist gerade im Bereich komplexerer Finanzierungen unerlässlich.

 

Perspektiven: Bis zum Ausbruch der Coronavirus-Pandemie war Factoring in Deutschland durch hohe Wachstumsraten gekennzeichnet …

 

Dinko Mehmedagic: Richtig, die Factoring-Umsätze konnten hierzulande schon seit Längerem fast jedes Jahr zweistellig zulegen. 2019 lag das Factoring-Volumen der Mitglieder des Deutschen Factoring-Verbandes (DFV) bei 275,6 Milliarden Euro, das ist ein Plus von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr und entspricht einem Anteil von mehr als 8 Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist das allerdings immer noch wenig: Dort liegt der Factoring-Anteil gemessen am BIP bei bis zu 14 Prozent. Es gibt also grundsätzlich noch Luft nach oben. Wir haben 2020 noch ein sehr gutes erstes Quartal erlebt, mit Rekordwerten für unsere eigene Gesellschaft. Das zweite Quartal war dann deutlich schwächer. Aber schon im dritten Quartal sehen wir wieder einen positiven Trend. Was uns und andere Factoring-Anbieter aktuell bewegt, sind zum einen die großen Unsicherheiten in Bezug auf wieder steigende Infektionszahlen und dadurch möglicherweise neue Einschränkungen für die Wirtschaft. Zum anderen die Frage, ob es mit dem voraussichtlichen Auslaufen der ausgesetzten Insolvenzantragspflicht Ende Dezember 2020 zu der erwarteten spürbaren Erhöhung von Insolvenzen kommt. Darüber hinaus läuft nach aktuellem Stand zum Jahresende auch der Schutzschirm der Bundesregierung für die Warenversicherer in Höhe von 30 Milliarden Euro aus. Hier könnten sich für die Factoring-Gesellschaften ebenfalls neue Unsicherheiten ergeben. Große Kreditversicherer haben bereits angekündigt, dass sie Versicherungen bestimmter Risikoklassen bis zum Jahresende begrenzen. Alle diese Faktoren haben Auswirkungen auf die Lieferketten und damit auch auf das Factoring-Geschäft.

 

Perspektiven: Kurzer Blick in die Zukunft: Was wird beim Thema Factoring nach Corona wichtig?

 

Dinko Mehmedagic: Neben der Digitalisierung und der Internationalisierung wird auch beim Factoring das Thema Nachhaltigkeit immer wichtiger werden. Das betrifft zum einen die Nachhaltigkeit in unserem eigenen Unternehmen: Die Deutsche Bank AG hat als Konzernmutter der Unternehmensbank und damit auch der PB Factoring GmbH im August mit ihrer Klimaschutz-Erklärung einen Überblick über ihre vielfältigen Ansätze im Kampf gegen den Klimawandel veröffentlicht. Zum anderen gewinnt Nachhaltigkeit auch bei den Finanzierungen an Gewicht. Wir entwickeln bereits Factoring-Lösungen, die bestimmte Nachhaltigkeitskriterien einhalten. Hier wird sicher schon bald viel passieren.

„Verbesserte Kennzahlen sorgen unterm Strich für bessere Finanzier-ungsbedingungen.”

„Schon im dritten Quartal sehen wir wieder einen positiven Trend.”

Fakten PB Factoring GmbH

Gründung: 2001

Mitarbeiter: 86

Umsatz 2019: rd. 43 Mrd. EUR

Anzahl Kunden: rd. 700

Kontakt:

Telefon: 0228 5500 3311

E-Mail: factoring@postbank.de

www.postbank.de

  • Bildnachweise

    Susanne Kurz

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