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Interview

„Nicht den Kopf in den Sand stecken“

Exportabhängigen deutschen Industriebetrieben droht 2020 weiter Gegenwind. Wie sich Unternehmen mit dem richtigen Finanzierungsmix dagegen wappnen können, erläutert Reiner Ramacher, Bereichsvorstand Firmenkunden bei der Postbank, im Perspektiven-Interview.

Perspektiven: Der Druck auf die deutsche Industrie bleibt hoch. Man denke nur an die noch nicht absehbaren wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus, den nach wie vor möglichen No-Deal-Brexit und die erneute Androhung von Sonderzöllen auf europäische Autos durch US-Präsident Donald Trump. Hinzu kommen langfristige strukturelle Herausforderungen, etwa für die Automobilindustrie …

 

Reiner Ramacher: Es gibt natürlich auch positive Nachrichten, etwa das im Januar unterzeichnete Teilabkommen zwischen den USA und China, das etwas Ruhe in den Handelskonflikt gebracht hat. Zudem verzeichnete das Verarbeitende Gewerbe trotz niedrigerer Auftragseingänge zuletzt noch einen ganz passablen Auftragsbestand. Nichtsdestotrotz: Die reale Bruttowertschöpfung in der Industrie schrumpfte 2019 gegenüber dem Vorjahr um 3,6 Prozent. Das Geschäftsklima und die Exporterwartungen befanden sich laut dem ifo Institut in diesem Bereich schon vor der aktuellen Eskalation des Coronavirus-Themas auf sehr niedrigen Niveaus. Ein ähnliches Ergebnis liefert das Mittelstandsbarometer der Beratungsgesellschaft Ernst & Young: Vor allem die Stimmung in der Automobilindustrie, aber auch im Maschinenbau und in der chemischen Industrie hat sich demnach massiv eingetrübt. Wir spüren das auch in den Gesprächen mit unseren vielen mittelständischen Kunden dieser Branchen.

 

Perspektiven: Viele Unternehmen planen aufgrund des schwierigen Umfelds, 2020 weniger zu investieren als in den Vorjahren.

 

Reiner Ramacher: Das mag auf den ersten Blick auch verständlich erscheinen, ist aber bedenklich. Meines Erachtens sollte man jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken und wichtige Investitionen aufschieben. Vielmehr müssen Unternehmen gerade jetzt investieren, um in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. Das betrifft beispielsweise das Thema digitale Transformation. Hier gibt es gleich zwei wichtige Ansatzpunkte: die Digitalisierung der eigenen Produktionsprozesse und die Entwicklung von Produkten, die anderen dabei helfen, ihr Geschäftsmodell zu digitalisieren. Wir sprechen also sowohl über Investitionen in die Ausrüstung als auch in Innovationen.

 

Perspektiven: Nun wird der Zugang zu Krediten in Zeiten sich eintrübender wirtschaftlicher Aussichten und sinkender Erträge in der Regel eher schwieriger.

 

Reiner Ramacher: Ein Grund mehr, seine Finanzen frühzeitig wetterfest zu machen – und zwar langfristig. Manche Kunden kommen erst zu uns, wenn sie kaum noch Luft bei der Liquidität haben. Besser ist es, seine Finanzen für schwierigere Phasen neu zu strukturierten, solange die eigene Bonität gut ist. Viele Unternehmen verfügen aktuell über gesunde Bilanzen, weil sie in den „fetten Jahren“ gut gewirtschaftet haben. Und auch die Finanzierungsbedingungen sind nach wie vor sehr gut. Beste Bedingungen also, um sich jetzt einen soliden Schlechtwetterschutz zuzulegen.

 

Perspektiven: Wie kann ein solcher Schlechtwetterschutz aussehen?

 

Reiner Ramacher: Wichtig ist zum Beispiel, bei den Finanzierungen für Transparenz zu sorgen. Unternehmen, die dynamisch gewachsen sind, haben oft eine Vielzahl von bilateralen Finanzierungen mit unterschiedlichen Besicherungen bei verschiedenen Finanzierungspartnern aufgebaut. Solche Strukturen sind nicht nur vergleichsweise intransparent, sondern oft auch instabil. Sie können sich deshalb negativ auf weitere Finanzierungsvorhaben auswirken. Und sie sind mit einem erheblichen Verwaltungsaufwand verbunden, erzeugen also Kosten. Wir empfehlen betroffenen Unternehmen, solche Finanzierungsknoten zu entflechten und die Enden im Rahmen einer syndizierten Finanzierung bzw. eines Konsortialkredits neu zu verknüpfen. Sie erhalten auf diese Weise eine mittel- bis langfristige stabile Finanzierung, aus der keiner der Kreditgeber vorzeitig ausscheren kann. Gerade diese Gesamtfinanzierungssicherheit ist in unruhigeren Zeiten nicht zu unterschätzen. Bei sehr großen Finanzierungsvolumina kann es ergänzend durchaus sinnvoll sein, über kapitalmarktnahe Produkte wie zum Beispiel Schuldscheindarlehen nachzudenken. Denn solche Produkte können neben der klassischen Bankfinanzierung neue Investoren für das Unternehmen öffnen. Letztlich entscheidet aber natürlich der Kunde über die einzelnen Bausteine seiner Gesamtfinanzierung.

 

Perspektiven: Ein Konsortialkredit ist nicht für jedes Unternehmen geeignet …

 

Reiner Ramacher: Richtig, eine syndizierte Finanzierung lohnt sich erst ab einem bestimmten Volumen. Aber es gibt weitere Möglichkeiten, sich in Sachen Finanzierung zukunftsfähig aufzustellen. Dazu zählen das Leasing und das Factoring mit ihren bilanz- bzw. liquiditätsschonenden Eigenschaften. Was individuell am besten zum Unternehmen passt, sollte man gemeinsam mit seinem Bankberater herausfinden.

 

Perspektiven: Stichwort Beratung: Die Postbank befindet sich derzeit

im Rahmen ihrer Integration in den Deutsche Bank Konzern selbst in einem Transformationsprozess. Wie gewährleisten Sie da die kontinuierliche Betreuung Ihrer Geschäfts- und Firmenkunden?

 

Reiner Ramacher: Nach dem Motto „Alles bleibt anders“ gibt es hier zum einen eine große Kontinuität, aber natürlich auch Veränderungen – und zwar durchaus positive. Für alle Postbank Kunden gilt: Sie können weiterhin auf die Expertise ihres jeweiligen Postbank Betreuers vertrauen. Wie gehabt zieht dieser bei Bedarf Spezialisten aus den Bereichen Zahlungsverkehr, Finanzierung, Factoring, Leasing, Zins- und Währungsmanagement oder Commercial Real Estate hinzu. Neu ist, dass wir das Geschäft mit den Unternehmenskunden der Postbank und der Deutschen Bank in einer Einheit gebündelt haben, der Unternehmensbank. Damit können unsere Kunden jetzt vom Besten aus beiden Welten profitieren, der Postbank und der Deutschen Bank.

 

Perspektiven: Was bedeutet das konkret?

 

Reiner Ramacher: Nehmen wir das Thema Internationalisierung. Wollte einer unserer mittelständischen Firmenkunden einen eigenen Produktionsstandort im Ausland eröffnen, etwa in Asien, so konnten wir ihn dabei bislang nur bedingt begleiten. Nun steht ihm auch als Postbank Kunde das globale Netzwerk der Deutschen Bank zur Verfügung – mit Experten vor Ort, die die lokalen Marktgegebenheiten und regulatorischen Anforderungen genau kennen. Umgekehrt können Kunden der Deutschen Bank zum Beispiel von unserer besonderen Expertise beim Thema Forderungsverkauf profitieren, die wir in Form unserer Factoring-Gesellschaft PB Factoring GmbH in den Konzern eingebracht haben. Mit unserer neuen schlagkräftigen Einheit von Postbank und Deutscher Bank sind wir mehr denn je ein kompetenter Partner für den gesamten deutschen Mittelstand.

„Finanzierungs-
sicherheit ist in unruhigen Zeiten nicht zu unterschätzen.“

  • Bildnachweise

    Alle Fotos: Susanne Kurz

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