Perspektiven

Wenn Maschinen Lernen lernen

Künstliche Intelligenz, kurz KI, ist einer der Megatrends dieses Jahrhunderts. Doch wie intelligent können Roboter & Co. werden und was haben deutsche Mittelständler davon?

Serie Zukunftstechnologien

er Fortschritt ist manchmal sonderbar. Im „Huis Ten Bosch“, einer Art Miniaturnachbau der Niederlande komplett mit Grachten und Windmühlen in Originalgröße im Süden Japans, gilt das im wahrsten Sinne des Wortes. Denn dort eröffnete 2015 das weltweit erste Roboter-Hotel. Sein Name: „Henn na“, japanisch für „sonderbar“. Etwas merkwürdig ist das Hotel, von dem es seit dem vergangenen Jahr einen Ableger nahe Tokio gibt, in der Tat. Denn hier empfangen statt Menschen Roboter die Gäste. Einer der digitalen Concierges hat das Aussehen einer Frau, die beiden kommen als Dinosaurier (!) daher. Andere Robos bringen das Gepäck aufs Zimmer, putzen die Fenster oder nehmen in Form des digitalen Zimmerbutlers Tapia per Spracherkennung Getränkebestellungen entgegen.

 

Was auf den ersten Blick wie ein Gag anmutet, ist auf den zweiten Blick ein plakatives Beispiel dafür, wie künstliche Intelligenz unseren Alltag und auch unsere Wirtschaft komplett umkrempeln könnte – „Henn na“, das kann auch „Veränderung“ bedeuten. Das Haus mit Dino-Concierge soll laut seinen Betreibern Spaß machen, aber es soll auch zeigen, wie sich ein Hotel mithilfe von Robotertechnik und künstlicher Intelligenz besonders effizient betreiben lässt.

 

Wie KI Maschinen selbstständig macht

Dabei sind die Roboter im „Henn na“-Hotel noch nicht mal besonders intelligent. Denn sie führen zumeist nur per Sprachanweisung gegebene Standardhandlungen aus, etwa das Einchecken eines Gastes aufgrund seines Namens oder die Wiedergabe des Wetterberichts. Die technischen Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz aber reichen längst viel weiter.

 

Schon heute sind Maschinen in der Lage, intelligentes menschliches Verhalten zu imitieren. Das heißt, sie führen nicht nur auf Befehl eine zuvor programmierte Handlung aus, sondern ziehen aus komplexen Zusammenhängen Schlussfolgerungen, erkennen Bedeutungen oder lernen aus eigenen Erfahrungen und versetzen sich so in die Lage, vorausschauend zu planen. Ein simples Beispiel: Ein mit KI und Kameraaugen ausgestatteter laufender Roboter, der auf einer Bananenschale ausrutscht und umkippt, wird die Schale nächstes Mal als Gefahr erkennen und einen Bogen darum machen. Mehr noch: Ist er mit anderen Robotern vernetzt, so wird er seinen Erfahrungsschatz mit diesen teilen und sie so in die Lage versetzen, den „Fehltritt“ von vornherein zu vermeiden.

 

Das menschliche Gehirn als Vorbild

„Deep learning“ (tiefes Lernen) und „learning machines“ (lernende Maschinen) heißen die Schlagwörter der Stunde. Inspiriert von der Struktur des menschlichen Gehirns werden von Programmierern künstliche neuronale Netzwerke geschaffen, die Daten in immer ähnlicherer Weise verarbeiten können, wie es die Neuronen in unserem Gehirn tun. Um diese Netzwerke darauf zu trainieren, Informationen richtig einzuordnen, werden sie in Form gigantischer Datenmengen („Big Data“) mit einem künstlichen Erfahrungsschatz gefüttert, der sich – siehe oben – bei entsprechender Vernetzung ständig erweitern lässt. Die Algorithmen, die die Maschinen zur Auswertung dieser Daten verwenden, werden entweder von Menschen programmiert oder von der KI selbst konzipiert.

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Wie KI-Anwendungen den Alltag verändern

Wie Deutschland den Milliardenmarkt KI erobern will

Die Nutzung künstlicher Intelligenz kann nicht nur dabei helfen, Prozesse zum Beispiel in Unternehmen effizienter zu machen, sie bietet auch gewaltige Marktchancen: Die Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) prognostiziert, dass der KI-Sektor bis zum Jahr 2030 rund 12,5 Billionen Euro zur Weltwirtschaft beitragen wird – das wären nach heutigem Stand 14 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Allein das deutsche BIP kann demnach in diesem Zeitraum durch den Einsatz von KI um 11,3 Prozent oder 430 Milliarden Euro steigen, schätzen die Wirtschaftsexperten.

 

Die Bundesregierung hat das Thema künstliche Intelligenz deshalb jüngst zur Chefsache erklärt und im Sommer Eckpunkte für eine KI-Strategie beschlossen. Ziel sei es, Deutschland zum weltweit führenden Standort für KI zu machen, erklärt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in einem Gastbeitrag für das Handelsblatt. Bis zum Digital-Gipfel der Bundesregierung im Dezember 2018 soll die KI-Strategie stehen. „Wir sind entschlossen, Forschung, Entwicklung und vor allem auch die Anwendung von KI in Deutschland und Europa voranzutreiben und so neue Wertschöpfung durch ,KI made in Germany‘ zu ermöglichen und zu sichern“, betont Altmaier. Die Bedeutung des Themas gehe weit über technologische Fragen hinaus: Die Entwicklung und Beherrschung der Anwendungsformen von KI, egal ob beim autonomen Fahren, in der Krebsdiagnostik oder bei den Produktionsprozessen der Zukunft, sei eine Schlüsselfrage für Deutschland und Europa.

Eine kurze Geschichte der künstlichen Intelligenz

Der Begriff künstliche Intelligenz bzw. Artificial Intelligence existiert schon seit den 1950er-Jahren. Meilensteine in der KI-Entwicklung wurden häufig spielerisch dokumentiert.

Neuer KI-Bundesverband gegründet

Auch auf Unternehmensseite nimmt das Thema KI Fahrt auf. Im März dieses Jahres haben sich zunächst 24 Unternehmen, Start-ups und Experten aus dem KI-Sektor zum KI-Bundesverband zusammengeschlossen. Im August zählte die Branchenvereinigung bereits mehr als 50 Mitglieder. Ziele des Verbandes sind unter anderem die Schaffung von Rechtssicherheit im zivilrechtlichen, steuerlichen, regulatorischen und datenrechtlichen Bereich, die Förderung eines „menschen-zentrierten und menschen-dienlichen Einsatzes“ von KI-Technologien sowie die Förderung von Ausbildung und Forschung. Der Verband hat dafür ein Positionspapier entworfen, das hier kostenlos heruntergeladen werden kann.

 

„Wenn wir jetzt die richtigen Entscheidungen treffen, kann Deutschland auf der nächsten Stufe der Digitalisierung immer noch eine entscheidende Rolle spielen“, sagt Jörg Bienert, Vorstand des KI-Bundesverbands und Gründer der Beratungsagentur Aiso-lab. „Wenn wir jetzt nicht handeln, wird unsere Wirtschaft in zehn Jahren möglicherweise nicht mehr wettbewerbsfähig sein“, warnt der KI-Experte.

 

Große Chancen in der Industrie

Deutschlands große Chance seien KI-Lösungen für die Industrie 4.0, so Jörg Bienert. Das sieht auch Wirtschaftsminister Altmaier so: „Als Industrieland bietet KI gerade uns große Chancen: In den Fabriken der Zukunft überwachen Maschinen ihre Betriebstüchtigkeit und fordern rechtzeitig Wartung an. Fahrerlose Transportfahrzeuge koordinieren eigenständig logistische Abläufe. Serviceroboter assistieren Menschen in der Montage“, beschreibt der Bundeswirtschaftsminister einige Anwendungen der KI.

 

Die Postbank unterstützt Unternehmen, die in die Digitalisierung investieren, mit dem Sonderkreditprogramm „Digitalisierung im Mittelstand“. Nach 500 Millionen Euro im Jahr 2016 hat die Postbank dafür jüngst eine weitere Milliarde Euro bereitgestellt. Das Sonderkreditprogramm soll insbesondere dabei helfen, den digitalen Wandel der Unternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe voranzutreiben.

 

In vielen Unternehmen ist KI in der einen oder anderen Ausprägung schon angekommen. Der US-Onlinehändler Amazon etwa nutzt bereits KI, um die Kundennachfrage vorauszusehen und die Lager- und Transportlogistik zu optimieren. Der deutsche Versandhändler Zalando hat soeben angekündigt, verstärkt Algorithmen mit Aufgaben wie dem gezielten Verschicken von Werbe-Mails zu betrauen. Anwälte lassen Algorithmen Dokumente recherchieren und Verträge prüfen. Chatbots helfen Kunden bei der Buchung von Flügen, Hotels und Arztterminen. Und auch in vielen Haushalten hat die KI bereits Einzug gehalten, in Form smarter Lautsprecher mit Spracherkennungssoftware wie Amazon Echo oder Apple HomePod.

 

Eine Zukunft ohne Arbeit?

Ob die künstliche Intelligenz der natürlichen in Zukunft den Rang ablaufen und gar die Arbeitskraft des Menschen überflüssig machen wird, ist heiß diskutiert. Während die einen düstere Szenarien einer digitalisierten Zukunft mit hoher Arbeitslosigkeit und zunehmender Armut zeichnen, sehen andere in KI und Co. die Chance, den Menschen bei hoher Produktivität vollständig von den Lasten der Arbeit zu entkoppeln. Das allerdings ist zumindest im japanischen „Henn na“-Hotel noch nicht gelungen. Die Betten werden dort nach wie vor von echten Hotelfachkräften aus Fleisch und Blut gemacht.

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    Aufmacher: iStockphoto / PhonlamaiPhoto

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