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Zukunftsforschung

Wie Mittelständler auf der Welle der Megatrends surfen

Vieles, was heute als Trend gilt, ist morgen schon wieder out. Ganz anders Megatrends. Sie bieten vorausschauenden Unternehmern langfristige Wachstumschancen weit über das neue Jahrzehnt hinaus.

Ein Trend – so die Rechtschreibbibel „Duden“ – ist die „Grundrichtung einer Entwicklung“. Ende des 19. Jahrhunderts erstmals im Zusammenhang mit Aktien und Börsenkursen aufgetaucht, fand der Begriff jahrzehntelang eher wenig Beachtung. Heute jedoch liegt das Wort Trend voll im Trend. Der „Duden“ kennt mittlerweile Trendscouts und Trendforscher, Trendsetter und Trendsportarten, die Trendwende und das Adjektiv trendy. Und er verzeichnet den Begriff Megatrend – als „Trend, der zu großen Veränderungen führt“. Deutlich dramatischer formuliert es das renommierte Zukunftsinstitut in Frankfurt am Main: „Megatrends sind die ,Blockbuster‘ des Wandels. Sie sind die Grundlage der Evolution ganzer Wirtschaftsbereiche.“ Kurzum: Megatrends verändern die Welt – langsam, aber gewaltig.

 

Was einen Megatrend auszeichnet

  • Er dauert mehrere Jahrzehnte an.
  • Er betrifft alle gesellschaftlichen Bereiche: die Ökonomie, den Konsum, Werte, das Zusammenleben, die Medien, das politische System usw.
  • Er ist ein globales Phänomen – nicht überall gleichzeitig stark ausgeprägt, aber früher oder später weltweit zu beobachten.
  • Er ist vielschichtig, mehrdimensional und voller Wechselwirkungen.

 

Welche Entwicklungen das Zeug zum Megatrend haben, darüber lässt sich streiten. Oft genannt werden Digitalisierung und Urbanisierung, aber auch der Klimawandel. Die Experten vom Frankfurter Zukunftsinstitut haben zwölf aktuelle Megatrends identifiziert:

  • Individualisierung

    Achtsamkeit und „Besser statt mehr“, Single-Gesellschaft und Wir-Kultur: Das sind nur ein paar Stichworte. Der Trend geht hin zu individuell gefertigten Produkten – gerne auch selbst gemacht wie beim Kochen, Backen, Handarbeiten …

  • Gender Shift

    „Das starke Ich schlägt das alte Frau/Mann-Schema“, so das Frankfurter Zukunftsinstitut. „Das Geschlecht verliert das Schicksalhafte.“ Mehr noch: Geschlecht ist ein Aspekt von Diversity – und die Vielfalt von Menschen gilt als Erfolgsfaktor etwa in Sachen Innovationsfähigkeit.

  • Silver Society

    Die Menschen werden immer älter, aber fühlen sich länger jung. Produkte für die „jungen Alten“ dürfen nicht nach Handicap aussehen. Die Alternative: Universal Design – das Produkt soll für möglichst viele Menschen nutzbar sein.

  • Wissenskultur

    Kaum vorhersagbare künftige Jobprofile erfordern lebenslanges Lernen. Dass das auch Spaß machen kann, zeigen unterhaltsame Edutainment-Formate bis hin zur Gamification etwa bei der Mitarbeiterschulung.

  • New Work

    Wenn Roboter bestimmte Arbeiten besser verrichten können als wir, fragen wir uns nach dem Sinn unserer Arbeit. Wir arbeiten nicht mehr, um zu leben, und wir leben nicht mehr, um zu arbeiten. Gefragt ist eine kluge Verbindung von Privat- und Berufsleben – und damit auch die Arbeitgeber.

  • Gesundheit

    Viel Sport, bewusste Ernährung, schadstoffarme Pflegeprodukte: Gesundheit als zentrales Lebensziel prägt alle Lebensbereiche. Als „Corporate Health“ ist Gesundheitsvorsorge in Unternehmen mehr als Unfallschutz und ergonomische Arbeitsplätze. Stichwort Burn-out …

  • Neo-Ökologie

    Der Bio-Boom bei Lebensmitteln, Kosmetik & Co. ist nur ein Beispiel. Neo-Ökologie justiert unsere Werte neu – und verändert unternehmerisches Denken und Handeln. Zwei weitere Beispiele: Green Tech und Sharing Economy.

  • Konnektivität

    „Das Prinzip der Vernetzung dominiert den gesellschaftlichen Wandel“, sagt das Frankfurter Zukunftsinstitut mit Blick auf die Digitalisierung. Unternehmen brauchen demnach „ein ganzheitlich-systemisches Verständnis des digitalen Wandels“.

  • Globalisierung

    Internationale Verflechtungen prägen die Weltwirtschaft und unser Leben. Zugleich wächst die Bedeutung des Lokalen. Ein Beispiel: Produkte aus regionaler Herstellung. Der Begriff „Glokalisierung“ beschreibt dieses Nebeneinander.

  • Urbanisierung

    Urbane Ideen und Innovationen prägen die Weltwirtschaft. Parallel zu Megacitys mit 10 Millionen Einwohnern und mehr entstehen innerhalb von Städten kleinräumige, dörfliche Strukturen vom Urban Gardening bis hin zu lokalen Delikatessen-Manufakturen.

  • Mobilität

    Einige Stichworte sind in aller Munde: autonomes Fahren, Carsharing, Fahrrad- und E-Scooter-Boom … Zudem sind innovative Lösungen für die schnelle, effiziente Lieferung von Waren gefragt – beginnend bei der Supply Chain und endend bei der letzten Meile zum Kunden.

  • Sicherheit

    Gefühlt jagt eine Krise die nächste. Allerdings: „Während unsere Wahrnehmung uns in die Verunsicherung stürzt“, sagt das Zukunftsinstitut in Frankfurt, „leben wir in den sichersten aller Zeiten.“ Die Herausforderung: „Disruptionen als Chancen begreifen“.

Unternehmer tun gut daran, sich mit den Megatrends auseinanderzusetzen. Denn sie bieten zum einen gewaltige wirtschaftliche Chancen, haben aber zum anderen auch das Potenzial, klassische Geschäftsmodelle komplett zu zerstören. Ähnlich einem Wellenreiter, der im richtigen Moment auf sein Board springt, um das zerstörerische Potenzial einer Megawelle in positive Antriebsenergie zu verwandeln, muss sich auch ein Unternehmer im Angesicht eines Megatrends auf seine Stärken besinnen, um die positive Energie des Trends zu nutzen.

 

Harry Gatterer, Geschäftsführer des Frankfurter Zukunftsinstituts, illustriert das in seinem Buch „Future Room – Entdecken Sie die Zukunft Ihres Unternehmens“ am Beispiel der Herausforderungen, die für den Betreiber einer Tankstellenkette durch den Megatrend Mobilität entstehen. Der Tankstellenbetreiber muss sich im Hinblick auf die zunehmende Elektromobilität fragen, ob es in Zukunft überhaupt noch Tankstellen in der Form geben wird, wie wir sie heute kennen und nutzen. Dabei gelte es, die allgemeine in eine individuelle Frage umzuformulieren. Die allgemeine Frage ist: Wird es in Zukunft überhaupt noch Tankstellen geben? Die individuelle: Was könnte in Zukunft die Rolle unseres Unternehmens sein? „Dadurch dreht sich die Perspektive. Es geht also erst mal darum, dass man sein Denken ändert, und nicht darum, blind jedem Trend hinterherzulaufen“, betont Gatterer. Eine Erkenntnis aus dem Future-Room-Konzept sei, dass die Zukunft keine Verallgemeinerung zulasse, sie sei sehr individuell und lasse sich nur aus dem Unternehmen heraus erschließen. Gatterers Fazit: „Nur wenn ich weiß, was meine Potenziale sind, kann ich auf Trends einsteigen.“

 

Unter den zwölf Megatrends des Zukunftsinstituts sieht Gatterer fünf, die Unternehmen in näherer Zukunft besonders prägen werden. Details lesen Sie beim Klick auf die Kacheln.

Diese 5 Megatrends können Ihr Geschäft ankurbeln

  • Massenhaft maßgeschneidertIndividualisierung

    Geschäftspotenzial bietet die „Mass Customization“: Produkte werden in einer Art Baukastensystem angeboten, die persönlich auf die Kunden zugeschnitten sind – egal ob Auto oder Müsli. Ein Online-Konfigurator ermöglicht die exakte Erfassung der Kundenwünsche. Moderne Software, zum Beispiel zum 3D-Druck, erlaubt eine ebenso individuelle wie effiziente (Massen-)Produktion.

  • Wertvolle ErfahrungenSilver Society

    Seit den Babyboomern nimmt die Geburtenrate ab, bald stehen dem Arbeitsmarkt immer weniger Arbeitnehmer zur Verfügung. Da können selbst gut bezahlte Mitarbeiter im Alter 50+ im Wortsinn wertvoll sein. Gut, wenn Ältere und Jüngere produktiv zusammenarbeiten – bevor ein Senior etwa im Vertrieb von der Konkurrenz abgeworben wird und seine Kunden und sein Wissen mitnimmt!

  • Ab in die Stadt!Urbanisierung

    Digitalisierung verändert städtische Räume – zum Beispiel durch den zunehmenden Online-Handel. Eine App der Stadt Reutlingen unterstützt die stationären Händler: Innenstadtbesucher können sich damit vor Ort über Angebote der teilnehmenden Geschäfte informieren und in deren Nähe erhalten sie über kleine Sender („Beacons“) per Bluetooth weitere Nachrichten.

  • Die Weisheit der VielenWissenskultur

    „Crowdsourcing“, „Open Innovation“ … Warum nicht mit einer Gruppe freiwilliger User oder einer Online-Community neue Service- oder Produktideen generieren oder auch konkrete Probleme lösen?! Oder Workshops mit den treuesten Kunden veranstalten und so nicht nur den eigenen Horizont erweitern, sondern auch die Kundenbindung stärken?!

  • Konnektivität

    Über Netzwerke zum Erfolg

     

    Markt bedeutet seit jeher Wettbewerb („competition“), aber zunehmend auch Zusammenarbeit („cooperation“) – macht zusammen: „Coopetition“. Ein Beispiel: Wenn grundsätzlich konkurrierende Taxiunternehmen künftig alle auf E-Mobilität setzen wollen, sollten sie sich zusammentun und gemeinsam auf die Stadt und die Energieversorger zugehen.

  • Bildnachweise

    Aufmacher-Video: gettyimages / puredigitalmaui; Weitere Fotos: iStockphoto (golero, industryview, kynny, Nattakorn Maneerat, Yuri_Arcurs)

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