Perspektiven

Unternehmensnachfolge

Vertrauensvolle Hände dringend gesucht

Unternehmensnachfolger sind rar. Wenn es keinen geeigneten Kandidaten in der Familie gibt, bleibt nur die Suche auf dem freien Markt. Wie Senior-Unternehmer dort fündig werden, lesen Sie in Teil 1 unserer Serie.

ünther Fielmann hat gut lachen. Der 77-jährige Augenoptikermeister und Vorstandsvorsitzende der gleichnamigen Optikerkette hat soeben einen Nachfolger gefunden. Und der heißt – Günther Fielmann. Noch weitere drei Jahre will der agile Firmengründer, der zudem eine Öko-Landwirtschaft betreibt, die Geschicke des erfolgreichen börsennotierten Unternehmens lenken. Dann soll Sohn Marc, seit Anfang 2016 Marketingvorstand des Unternehmens, auf den Chefsessel wechseln. Allen Beteiligten erscheine es ideal, dem 27-jährigen Filius Gelegenheit zu geben, noch einige Jahre eng mit seinem Vater im Vorstand zusammenzuarbeiten, kommentierte Fielmann-Aufsichtsratschef Mark K. Binz die Entscheidung in der Online-Ausgabe der Wirtschaftswoche.

 

Demografie verstärkt Nachfolgerengpass

So gut wie Günther Fielmann, der – wenn auch in relativ hohem Alter – die familieninterne Nachfolge gesichert weiß, geht es immer weniger Unternehmern. Dafür sorgt vor allem der demografische Wandel. „Die Alterung erhöht Jahr für Jahr die Zahl der Unternehmen, die zur Übergabe anstehen. Die jüngeren Generationen sind aber zu dünn besetzt, weshalb die Nachfolger fehlen“, sagt Dr. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW Bankengruppe. Laut einer aktuellen Studie zum Nachfolgerbedarf im deutschen Mittelstand von KfW Research planen bis 2018 rund 620.000 mittelständische Unternehmer eine Übergabe oder den Verkauf an einen Nachfolger. Vor allem die in Rente gehenden Babyboomer der geburtenstarken 1950er- und 1960er-Jahre werden demnach in Zukunft eine Lücke auf den mittelständischen Chefetagen hinterlassen, insbesondere wenn sie nicht wie Günther Fielmann bis ins hohe Alter im Unternehmen arbeiten wollen und auch können.

 

Findet sich kein geeigneter Nachfolger bzw. keine Nachfolgerin in der Familie (mehr dazu in der nächsten Perspektiven eMagazin-Ausgabe ab 7. September) und soll das Unternehmen erhalten werden, bleibt nur die Suche nach einem externen Kandidaten. Hier wird aktuell die Situation zusätzlich dadurch verschärft, dass die gute Arbeitsmarktlage in Deutschland die Neigung zur Unternehmensgründung dämpft. Die Folge: Die Zahl sogenannter Übernahmegründer, die ein bestehendes Unternehmen weiterführen, ist seit Jahren rückläufig. 2002 etwa gab es noch rund 200.000 Unternehmensgründer, 2015 hingegen nur noch 62.000. „Damit gibt es derzeit jährlich etwa dreimal so viele zur Übergabe bereite Unternehmen wie Übernahmegründer“, so Zeuner.

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„Die Alterung erhöht Jahr für Jahr die Zahl der Unternehmen, die zur Übergabe anstehen.“

Dr. Jörg Zeuner,
Chefvolkswirt KfW Bankengruppe

Dr. Jörg Zeuner,
Chefvolkswirt KfW Bankengruppe

So haben bekannte Unternehmen die Nachfolge geregelt

Ohne Strategie geht’s nicht

Vor diesem Hintergrund überrascht, dass nur 42 Prozent der von der KfW befragten Unternehmer, die sich binnen drei Jahren aus dem Tagesgeschäft zurückziehen wollen, dafür schon einen konkreten Plan haben. Rund ein Drittel hat sich mit der Nachfolgethematik sogar noch überhaupt nicht auseinandergesetzt. Dabei ist die Nachfolge oft ein komplexer Prozess, der sich über mehrere Jahre hinziehen kann. Die Industrie- und Handelskammern und andere Experten empfehlen deshalb, spätestens drei Jahre vor der geplanten Übergabe eine Strategie für diese zu entwickeln und mit der Suche eines Nachfolgers zu beginnen (siehe auch Interview unten).

 

Wie aber kann der perfekt geplante Weg zur Nachfolge aussehen? Ein Projektteam des Instituts für Entrepreneurship, Mittelstand und Familienunternehmen (EMF-Institut) der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin hat zur Beantwortung dieser Frage eine unabhängige Wissens- und Informationsplattform ins Netz gestellt. Teil des vom Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) geförderten Projekts ist ein sogenannter Nachfolgefahrplan, der die wichtigsten Stationen auf dem Weg zu einer erfolgreichen Übergabe bzw. Übernahme illustriert (siehe Grafik unten).

Der perfekte Nachfolgefahrplan

Welche Stationen sind für Senior-Unternehmer und ihre Nachfolger wichtig? Diese und andere Fragen beantwortet plakativ der Nachfolgefahrplan des Instituts für Entrepreneurship, Mittelstand und Familienunternehmen der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Die Grafik unten zeigt die Stationen für die externe Übergabe. Den vollständigen Nachfolgefahrplan können Sie hier kostenlos herunterladen.

Information & Bestandsaufnahme

Analyse & Strategie

Konzept & Geschäftsplan

Umsetzung & Übertragung

Übergabefähigkeit

Unternehmensbewertung

Rückzug planen

Zukunft gestalten

Übergabeform

Zielsetzung

Qualifikation

Zeitpunkt festlegen

Finanz-
bedarf

Recht-liches

Recht-liches

Einarbei-tung

Einarbei-tung

Nachfolge kommuni-zieren

Nachfolge kommuni-zieren

Finanz-
bedarf

Zeitpunkt festlegen

Wechsel vollziehen

Wechsel vollziehen

Unternehmen suchen

Unternehmen prüfen

Einstieg planen

Unternehmens-entwicklung

Übergabe

Die Stationen auf der blauen Linie sind für alle Personen wichtig, die ein Unternehmen in den nächsten Jahren übergeben wollen oder sich veranschaulichen wollen, an welcher Station im Nachfolgeprozess sie gerade stehen.

Externe Übernahme

Für eine externe Übernahme gibt die gelbe Linie einen Einblick in die notwendigen Schritte. Diese Linie richtet sich vor allem an diejenigen, die ein eigenes Unternehmen führen wollen, ohne neu zu gründen.

In 5 Schritten zur externen Nachfolge

Der Weg zur erfolgversprechenden Unternehmensübergabe an einen externen Nachfolger lässt sich in fünf wesentlichen Schritten zusammenfassen.

  • Schritt 1: Die passende Nachfolgelösung ermitteln

    Zunächst gilt es, eine ehrliche Bestandsaufnahme zur Übergabefähigkeit des Unternehmens zu machen. Hat Ihr Betrieb ausreichend Zukunftspotenzial, um für einen Nachfolger bzw. Käufer von Interesse zu sein? Zudem müssen Sie entscheiden, ob Sie sich komplett von Ihrem Unternehmen trennen oder als stiller Teilhaber weiter Anteile halten möchten. Nach Angaben des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) zieht rund jeder vierte Unternehmer einen Firmenverkauf in Betracht, rund jeder Zehnte strebt eine Fremdgeschäftsführung oder eine Verpachtung an.

  • Schritt 2: Das Unternehmen richtig bewerten

    Kristallisiert sich der Firmenverkauf als passende Nachfolgelösung heraus, müssen Sie zunächst eine Unternehmensbewertung durchführen. Diese sollte möglichst realistisch sein. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) fordern rund 44 Prozent der zur Übergabe bereiten Unternehmensinhaber einen zu hohen Kaufpreis. Dies führe häufig dazu, dass sich kein passender Nachfolger findet. Zudem sind nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums viele Unternehmenspleiten nach der Übernahme auf einen überhöhten Kaufpreis zurückzuführen. Um aus den vielfältigen Bewertungsverfahren das richtige zu wählen und einen angemessenen Kaufpreis zu ermitteln, sollten Sie externe Unterstützung in Anspruch nehmen, zum Beispiel durch einen Unternehmens- oder Steuerberater oder einen Wirtschaftsprüfer. Öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige für die Unternehmensbewertung können Sie bei der für Sie zuständigen IHK erfragen. Entsprechende Berater finden Sie bei der Beraterbörse der KfW Bankengruppe sowie in der Beraterdatenbank des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater.

  • Schritt 3: Den geeigneten Nachfolger finden

    Unterstützung bei der Suche nach einem externen Nachfolger bieten diverse Online-Unternehmensbörsen, die Unternehmer und potenzielle Nachfolger wie zum Beispiel Existenzgründer zusammenbringen. Dazu gehört die Unternehmensbörse nexxt-change, die unter anderem vom BMWi und der KfW Bankengruppe initiiert wurde. Einen Überblick über diese und weitere Unternehmensbörsen bietet die vom BMWi geförderte Webseite nachfolge-in-deutschland.de. Natürlich können Sie auch in Ihrer Belegschaft und im Kreis Ihrer Geschäftspartner nach einem geeigneten Kandidaten Ausschau halten. Hilfestellung bei der Festlegung der Auswahlkriterien für einen möglichen Nachfolger bietet eine Checkliste des BMWi.

  • Schritt 4: Die Übergabedetails festzurren

    Ein Firmenverkauf ist mit diversen organisatorischen, steuerlichen und juristischen Fallstricken verbunden. So kann es beispielsweise aus steuerlichen Gründen sinnvoll sein, bei der Übergabe die Rechtsform des Unternehmens zu wechseln. Konsultieren Sie frühzeitig Ihre Hausbank und Ihren Steuerberater sowie gegebenenfalls einen spezialisierten Berater (siehe Schritt 2). Erste Hilfestellung bei Fragen rund um den Kaufvertrag bietet eine weitere Checkliste des BMWi.

  • Schritt 5: Den Nachfolger einarbeiten, Übergabe kommunizieren

    Auch die qualifizierteste Führungskraft braucht eine Einarbeitungszeit, das sollten Sie bei Ihrer Zeitplanung berücksichtigen. Wichtig ist, gegebenenfalls die im Unternehmen verbleibende Führungsebene sowie die Belegschaft und Kapitalgeber in den laufenden Prozess einzubinden. Damit wird verhindert, dass die Beteiligten sich schlecht informiert und übergangen fühlen, was für Unmut sorgen könnte und dem neuen Inhaber den Start erschweren könnte. Auch wichtige Geschäftspartner sollten rechtzeitig einbezogen werden – etwa über einen gemeinsamen Besuch mit dem Nachfolger.

Hilfestellung bei der Entwicklung einer geeigneten Nachfolgestrategie bieten unter anderem die Industrie- und Handelskammern. Eine gute Vorbereitung auf eine Beratung bietet die Checkliste des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) zum Thema Unternehmensnachfolge. Auf der Webseite www.existenzgruender.de stellt das Ministerium zudem eine umfangreiche Broschüre mit weiterführenden Informationen zur Unternehmensnachfolge zum Download bereit.

Interview

Dr. Marc Evers,
Leiter des Referats Mittelstand, Existenzgründung, Unternehmensnachfolge beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag e.V.

„Die Nachfolge beginnt schon bei der Gründung“

Dr. Marc Evers,
Leiter des Referats Mittelstand, Existenzgründung, Unternehmensnachfolge beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag e.V.

  • Interview lesen

    Perspektiven: Die Industrie- und Handelskammern bieten Beratung zum Thema Unternehmensnachfolge an. Wie sieht das genau aus?

     

    Dr. Marc Evers: Unser Service richtet sich sowohl an Senior-Unternehmer, die einen Nachfolger suchen, als auch an Übernahmewillige. Als neutrale Institution handelt die IHK immer ohne gewerbliches Interesse. Die IHK-Nachfolgeexperten sprechen die Firmeninhaber in der Regel schon früh auf das sensible Thema der Unternehmensnachfolge an. Sie arrangieren Treffen mit Unternehmens- und Steuerberatern sowie Finanzierungspartnern und bringen die Inhaber mit geeigneten Nachfolgekandidaten zusammen. Auch über die Unternehmensbörse nexxt-change können Senior-Unternehmer den Kontakt zu Interessenten aufnehmen. Jährlich können wir rund 1.000 Unternehmen an Übernehmer vermitteln.

     

    Perspektiven: Wie lange dauert es im Schnitt, bis die Nachfolge in trockenen Tüchern ist?

     

    Dr. Marc Evers: Die Nachfolgeplanung beginnt eigentlich schon bei der Gründung. Jeder Existenzgründer sollte gleich am Anfang einen „Notfallkoffer“ zusammenstellen, in dem alle für eine reibungslose Übergabe notwendigen Dokumente für eine Vertrauensperson griffbereit zusammengestellt sind. Etwa zehn Jahre vor dem geplanten Ruhestand sollte der Inhaber beginnen, sich wichtige Fragen über die Aspekte zu stellen, die sein Unternehmen für einen Nachfolger attraktiv machen. Ist mein Geschäftsmodell zukunftsfähig? Wo sollte ich investieren? Ist die Organisation noch zeitgemäß? Habe ich noch die richtigen Zulieferer und Finanzierungspartner? Spätestens drei Jahre vor der geplanten Übergabe sollte die Suche nach einem geeigneten Übernehmer starten. Und zwölf Monate vor dem „Tag X“ sollte gemeinsam mit dem auserkorenen Nachfolger der eigentliche Prozess der Übergabe eingeleitet werden.

     

    Perspektiven: Nach IHK-Schätzungen finden 45 Prozent der zur Übergabe bereiten Unternehmenschefs keinen geeigneten Nachfolger. Woran liegt das?

     

    Dr. Marc Evers: Das liegt zum einen an der demografischen Entwicklung. Zum anderen ist die Nachfolge kompliziert. Man muss sich dabei als Unternehmer auch unangenehmen Fragen stellen – etwa der nach der eigenen Alterung oder Sterblichkeit. Fast jedem vierten Inhaber fällt es nach Erfahrungen der IHKs einfach schwer, sich von seinem Lebenswerk zu trennen. Viele Unternehmer schieben die Nachfolge daher auf die sprichwörtliche lange Bank: 43 Prozent bereiten sich nicht rechtzeitig vor. Aber auch seitens der möglichen Nachfolger gibt es Vorbehalte: 43 Prozent geben trotz der aktuellen Niedrigzinsphase im Beratungsgespräch die Finanzierung als große Hürde an.

Senior- und Juniorchef

Nächste Folge: Familieninterne Nachfolge

Wie Sie die familieninterne Nachfolge effizient organisieren, lesen Sie in der nächsten Ausgabe des Perspektiven eMagazins ab dem 7. September 2017 unter www.perspektiven.postbank.de

  • Bildnachweise

    Coppenrath & Wiese (2), DIHK/Jens Schicke, Faber-Castell, iStockphoto (AndreyPopov, stockvisual, Vesnaandjic), KfW Bankengruppe; Titel-Montage: HMC

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