Gutes tun und darüber reden

Für Großunternehmen ist die Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten seit dem Geschäftsjahr 2017 Pflicht. Doch auch immer mehr Mittelständler veröffentlichen ihre CSR-Aktivitäten – aus gutem Grund.

Nachhaltigkeit

er nachhaltig innovative Outdoor-Ausrüster“, so bezeichnet sich das Familienunternehmen VAUDE aus dem oberschwäbischen Tettnang auf seiner Homepage. Umweltschutz und soziale Verantwortung sind in der Unternehmensstrategie fest verankert: Für sein nachhaltiges Wirtschaften wurde VAUDE bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter der Umweltpreis für Unternehmen des baden-württembergischen Umweltministeriums, der internationale Green Tec Award und der Eco Achievement Brand Award der Sportfachmesse ISPO.

 

Im Frühjahr 2019 kam eine weitere Auszeichnung hinzu: Beim zehnten bundesweiten Ranking der besten Nachhaltigkeitsberichte belegte der Outdoor-Ausrüster mit 671 von 700 Punkten den ersten Platz in der Kategorie „Kleine und mittlere Unternehmen“ (KMU). Denn bei VAUDE wird nicht nur Gutes getan, sondern auch darüber geredet. Das vom Bundesarbeitsministerium unterstützte Ranking wird seit 1994 vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und der gemeinnützigen Unternehmensinitiative Future durchgeführt. Für die aktuelle Auswertung wurden mehr als 100 Berichte in den Kategorien KMU und Großunternehmen unter die Lupe genommen.

 

Pflicht für Konzerne, Kür für KMU

Bestimmte Unternehmen sind seit dem Geschäftsjahr 2017 im Rahmen des CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetzes dazu verpflichtet, öffentlich Rechenschaft über ihre Unternehmensverantwortung – fachsprachlich „Corporate Social Responsibility“ (CSR) – abzulegen. Betroffen sind davon große kapitalmarktorientierte Kapitalgesellschaften und haftungsbeschränkte Personengesellschaften sowie große Kreditinstitute und Versicherungsunternehmen mit mehr als 500 Arbeitnehmern.

Doch auch immer mehr Mittelständler informieren Kunden und Stakeholder in eigens dafür konzipierten Berichten über ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten. Die Gründe dafür sind vielfältig:

  • Die Erwartungen vieler Kunden an verantwortungsbewusstes unternehmerisches Handeln und Wirtschaften steigen. Ein Beispiel: Der Umsatz mit ökologisch erzeugten Lebensmitteln stieg in Deutschland zwischen 1997 und 2018 von 1,48 Mrd. Euro auf 10,91 Mrd. Euro.
  • Die nachweisbare Umsetzung nachhaltiger Geschäftspraktiken im Lieferkettenmanagement ist heute Bestandteil zahlreicher Ausschreibungen.
  • Neben der Steigerung der Reputation bei Kunden und Geschäftspartnern kann die Nachhaltigkeitsberichterstattung zur Mitarbeitermotivation und zur Positionierung als Arbeitgebermarke genutzt werden. Ein wichtiger Aspekt im Kampf um Fachkräfte.

 

Mit Transparenz zum Erfolg

Der preisgekrönte Nachhaltigkeitsbericht von VAUDE beschreibt die sozialen, ökologischen und ökonomischen Bedingungen in der Lieferkette und am Firmenhauptsitz des Unternehmens in Tettnang am Bodensee im Rahmen einer Website. Systematisch leitet VAUDE daraus seine Handlungsfelder ab und stellt überprüfbare Ziele und Maßnahmen vor. Ob die Ziele für den Berichtszeitraum 2017 erreicht wurden, wird anhand eines Ampelsystems dargestellt. Bemerkenswert: Auch Ziele, die nicht erreicht wurden, werden offen angesprochen. Punkten konnte VAUDE bei der Jury zudem mit seinem Beitrag zum Gemeinwohl, der anhand einer Gemeinwohlbilanz gemessen wird.

 

„Wir haben uns 2014 bewusst für das Format der Website entschieden. So können wir relevante Themenbereiche übersichtlich darstellen, Querverbindungen aufzeigen und wir müssen den Leser nicht mit seitenlangen Zahlenkolonnen überladen. Das macht den Einstieg in die zum Teil komplexe Thematik einfacher“, erläutert Jan Lorch, Geschäftsleiter Vertrieb und CSR bei VAUDE. Das Format ermöglicht es VAUDE außerdem, zwischen den jährlichen Updates auch über kleinere News zu CSR-Maßnahmen zu berichten.

 

Als Orientierung für die Berichterstattung können Unternehmen auf etablierte nationale und internationale Rahmenwerke, etwa der Global Reporting Initiative (GRI) oder des Rates für Nachhaltige Entwicklung (Deutscher Nachhaltigkeitskodex / DNK) zurückgreifen.

 

Noch Luft nach oben

Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland derzeit etwa 250 kleine und mittlere Unternehmen Nachhaltigkeitsberichte publizieren. Die Nachhaltigkeitsberichte der KMU werden immer besser, so lautet das Fazit der Tester vom IÖW und der Initiative Future. In der Breite sei allerdings noch viel Luft nach oben. „Der GRI ist eine Herausforderung und für einen Erstaufschlag nicht vonnöten. Besser ist es, die drei bis fünf bedeutsamsten Themen des eigenen Unternehmens zu identifizieren und diese zu bearbeiten“, empfiehlt Studienleiter Dr. Udo Westermann von Future e.V. Unternehmen, die sich an die Nachhaltigkeitsberichterstattung herantrauen wollen. Eine solche Wesentlichkeitsanalyse sollte beim ersten Mal möglicherweise mit externer Unterstützung durchgeführt werden. Future e.V. etwa bietet dafür zum Teil kostenlose Internetseminare und Workshops an.

 

Aber auch Unternehmen, die neu in die Berichterstattung einsteigen, kann es auf Anhieb gelingen, vorzeigbar zu informieren. So hat es zum Beispiel Aldi Nord mit seinem 2018 auf freiwilliger Basis veröffentlichten ersten Nachhaltigkeitsbericht gleich auf Platz 15 des Rankings geschafft.

D

Interview

„Ein guter CSR-Bericht ist ein glaubwürdiger CSR-Bericht.“

Dr. Christian Lautermann,
Leiter des Forschungsfeldes Unternehmensführung und Konsum beim IÖW

  • Interview lesen

    Perspektiven: Warum macht ein CSR-Bericht auch für KMU Sinn?

     

    Dr. Christian Lautermann: Die Erstellung eines CSR- oder Nachhaltigkeitsberichts erfordert von jedem Unternehmen, sich zu seinen vielfältigen Verantwortungen zu bekennen, daraus Ziele und Handlungsstrategien abzuleiten und dazu wiederum ein Bewusstsein über seine gegenwärtige Nachhaltigkeitsbilanz zu entwickeln. Insofern liefert das Projekt „Nachhaltigkeitsbericht“ für alle Unternehmen den Anlass und die Grundlage, sich systematisch mit der Verbesserung der Nachhaltigkeitsbilanz zu beschäftigen.

     

    Perspektiven: Was macht einen guten CSR-Bericht aus?

     

    Dr. Christian Lautermann: Ein guter CSR-Bericht ist ein glaubwürdiger CSR-Bericht. Glaubwürdigkeit wird gefördert durch die Befolgung folgender Prinzipien. Erstens: die Vollständigkeit der relevanten Nachhaltigkeitsthemen. Zweitens: die Ernsthaftigkeit und Konsistenz, mit der die Berichterstattung betrieben wird, etwa gemessen an der Darstellung des Zusammenhangs zwischen der Geschäftsstrategie und den wesentlichen Nachhaltigkeitsanforderungen an das Unternehmen. Drittens: Offenheit, was insbesondere bedeutet, die vom Unternehmen ausgehenden Umweltbelastungen und sozialen Herausforderungen zu benennen sowie ungelöste Fragen und bestehende Zielkonflikte offen anzusprechen. Und viertens schließlich die Bewertung durch Externe, etwa in Gestalt von Zertifizierungen, Auditierungen und Stakeholderbefragungen.

     

    Perspektiven: Worum geht es also in der Summe?

     

    Dr. Christian Lautermann: Nicht nur um positive Ergebnisse, sondern auch um die selbstkritische Reflexion von Schwachstellen, Problembereichen und die Konsequenzen, die daraus gezogen werden.

Die besten Nachhaltigkeitsberichte im IÖW/Future-Ranking
und warum sie gewonnen haben

1. Platz KMU:

VAUDE Nachhaltigkeits-bericht 2017

  • informiert umfassend über ökologische und soziale Ansprüche an die Lieferkette und deren Umsetzung
  • enthält eine Gemeinwohlbilanz und nimmt Bezug auf Sustainable Development Goals (SDGs)
  • beschreibt, wie Unternehmenswerte in den Verhaltenskodex „Vaude-Wegweiser“ integriert werden
  •  viele mitarbeiterbezogene Themen

2. Platz KMU: LEBENSBAUM Nachhaltigkeits-bericht 2016

  • Produktverantwortung und Lieferkette im Fokus
  • klare Zielsetzung zur Lösung gesellschaftlicher Probleme (Bio-Zertifizierung, Einsatz regionaler Rohstoffe, fairer Handel und hohe Sozial-/Arbeitsstandards)
  • externe Stakeholder kommen zu Wort
  • Ziele wie Klimaneutralität und Einführung eines Zielkonfliktmanagements werden benannt

3. Platz KMU:
MEMO Nachhaltigkeits-bericht 2017/2018

  • beschreibt wesentliche Herausforderungen, wie z. B. die Klimaauswirkungen der Unternehmenslogistik
  • informiert über Ansprüche an Sortimentsgestaltung
  • quantifiziert aktuellen Status des Portfolios
  • berichtet über Mitarbeiterbefragung und definiert Mitarbeiterzufriedenheit als Leistungsindikator

2. Platz Konzerne: BMW
Sustainable Value Report 2017

  • systematische Darstellung von Managementansätzen, Zielen, Maßnahmen und Ergebnissen
  • Bericht zeigt, wie Bemühungen zur Emissionsreduktion und Effizienzsteigerung in Zielsysteme und Prozesse der Produktentwicklung integriert werden
  • viele Maßnahmen werden durch Kennzahlen belegt
  • Bericht punktet bei gesellschaftlichem Umfeld, u.a. mit Erläuterungen zur Lobbyarbeit

3. Platz Konzerne: DEUTSCHE TELEKOM.  Corporate Responsibility Bericht 2017

  • umfassende Darstellung wesentlicher Themen
  • Produktportfolio übergreifend eingeordnet: Produktanteil mit Nachhaltigkeitsnutzen, Verhältnis von positiven CO2-Effekten beim Kunden zu CO2-Emissionen des Unternehmens
  • Bericht und ergänzendes HR-Factbook decken Bereich Mitarbeiterverantwortung gut ab
  • Kennzahlen zu Investment oder Lieferkette in Bezug zu Sustainable Development Goals gesetzt

1. Platz Konzerne: REWE Nachhaltigkeits-bericht 2017

  • Online-Berichtsformat
  • vier Säulen der Nachhaltigkeitsstrategie: „Grüne Produkte“, „Energie, Klima und Umwelt“, „Mitarbeiter“ und „Gesellschaftliches Engagement“
  • umfassende Abbildung der Lieferketten (Bananen, Soja, Natursteine, Baumwolle, Kakao und Palmöl)

 

 

  • Bildnachweise

    Aufmacher: iStockphoto (FatCamera, Goodluz, monkeybusinessimages, Thinglass, Vladimir Vladimirov); Weiteres Foto: IÖW

Weitere Artikel

Perspektiven