15/04

Arbeit 4.0

Experimente wagen

Wer von Digitalisierung spricht, muss auch von neuen Arbeitsmodellen sprechen. Auch darüber wurde auf dem Postbank Forum angeregt diskutiert.

ie kann man seine Mitarbeiter mitnehmen auf dem Weg der digitalen Transformation? Wie kann man geeignete Fachkräfte für sich begeistern? Und wie sehen die Arbeitsplätze von morgen aus? Dieses Thema diskutierten auf dem Postbank Forum Frank Bsirske, Vorsitzender der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, Christian P. Illek, Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG, Dr. Markus Kerber, Hauptgeschäftsführer BDI e.V., Dr. Katrin Suder, Staatssekretärin im Bundesministerium der Verteidigung, und Frank Strauß, Vorstandsvorsitzender Deutsche Postbank AG.

Die Standpunkte im Kurzüberblick

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Jüngere Bewerber beim BDI fragen inzwischen immer öfter, wie lange sie vor Ort sein müssen und wie oft sie von anderen Orten aus arbeiten können.

Dr. Markus Kerber, Hauptgeschäftsführer BDI e.V.

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    Viele Vorhersagen darüber, was sich durch die Digitalisierung in der Arbeitswelt ändert, werden falsch sein. Wir können die Wechselwirkungen von Technologieschüben nur schwer im Voraus bewerten. Das zeigt sich am Beispiel Smartphone: Wer hätte noch vor zehn Jahren gedacht, was wir heute alles auf dem kleinen Bildschirm des Smartphones erledigen. Ich hätte auch nicht erwartet, dass sich bestehende Arbeitsstrukturen, die dem Menschen Halt geben, so schnell auflösen würden. Jüngere Bewerber beim BDI fragen inzwischen immer öfter, wie lange sie vor Ort sein müssen und wie oft sie von anderen Orten aus arbeiten können.

     

    Wir werden nur durch eine maximale Offenheit, was zukünftige Entwicklungen und Experimentierfreude anbelangt, einen Zugang zur Digitalisierung bekommen, der Ängste in den Hintergrund treten lässt und den Menschen Zuversicht für die Zukunft gibt. An der Frage, wie die Arbeitsmodelle der Zukunft gestaltet werden können, sodass sie für die Mitarbeiter auskömmlich und sicher sind, wird sich die Digitalisierung entscheiden. Der Prozess der industriellen Wertschöpfung, von der dieses Land lebt, bedeutet, dass man Materie zu höherwertigerer Materie verarbeitet. Wir verkaufen auf den Weltmärkten vor allem teure Produkte. Dafür brauche ich Mitarbeiter, die mir langfristig zur Verfügung stehen. Ich brauche Digitalisierung als Hilfsmittel, aber nicht als Disruption.

Mitarbeiter, die seit 20 oder 30 Jahren die IT-Workload verantwortet haben, werden nicht von heute auf morgen in der Cloud denken.

Christian P. Illek,
Vorstandsmitglied Deutsche Telekom AG

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    Die Telekom musste und muss sich im Rahmen der Digitalisierung komplett neu erfinden. Wir digitalisieren alle Prozesse. Wir müssen wie viele andere Unternehmen auch unseren Status quo permanent hinterfragen. Die Frage wird sein, wie weit wir mit dem Bestand unserer Mitarbeiter dazu in der Lage sind, uns neu zu erfinden. Mitarbeiter, die seit 20 oder 30 Jahren die IT-Workload verantwortet haben, werden nicht von heute auf morgen in der Cloud denken. Bei uns gibt es offene Bürowelten. Aber es gibt immer Mitarbeiter, die lieber in Einzelbüros arbeiten. Ich bin, was neue Arbeitswelten betrifft, kein Anhänger von einem Bündnis, sondern von vielen kontrollierten Experimenten. Die Ergebnisse dieser Experimente müssen wir dann auf betrieblicher Ebene diskutieren und bewerten. Man darf keine Angst davor haben, auch mal zu scheitern. Ich kann allerdings auch keinen Mitarbeiter dazu zwingen, mitzumachen, etwa indem er Weiterbildungen und Umschulungen besucht.

Nicht die Digitalisierung ist das Problem, sondern das, was der Mensch daraus macht. Die Herausforderungen muss man gemeinsam bewältigen.

Frank Bsirske,
Vorsitzender Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft ver.di

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    Die Digitalisierung stellt uns vor eine definitive Gestaltungsaufgabe, die am besten konzertiert gelingen kann und nicht in Konfrontation. Ich sehe uns hier auf der Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerseite vor drei Herausforderungen gestellt: Zum ersten die mögliche technologische Arbeitslosigkeit durch Automatisierung. Hier ist es wichtig, andere Beschäftigungsfelder zu entwickeln, etwa im Bereich von Bildung und Pflege. Die zweite Herausforderung ist die digitale Prekarisierung, also zum Beispiel die Entstehung von kurzfristigen Arbeitsbeziehungen zu geringen Löhnen. Die dritte Herausforderung ist die Nutzung digitaler Daten als Herrschaftsinstrument, das es ermöglicht, jede Aktivität des Arbeitnehmers zu kontrollieren. Wir haben es bei der Digitalisierung mit einer ambivalenten Entwicklung zu tun, die uns die Möglichkeit gibt, mit mehr Freiheit darüber zu bestimmen, wann und wo wir arbeiten wollen. Aber es gibt auch Tendenzen zur Entgrenzung der Arbeit, also zu einer Auflösung der Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Privatleben zuungunsten des Arbeitnehmers. Wir müssen diese Themen gemeinsam in Angriff nehmen, um sie zum Vorteil der Menschen zu entwickeln. Nicht die Digitalisierung ist das Problem, sondern das, was der Mensch daraus macht. Die Herausforderungen muss man gemeinsam bewältigen. Die Lösung kann nicht sein: Innovation durch Regulierungsabstinenz.

Eine große Herausforderung der Digitalisierung ist es, die Mitarbeiter dafür zu bekommen, insbesondere im öffentlichen Sektor.

Dr. Katrin Suder,
Staatssekretärin im Bundesministerium der Verteidigung

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    Die Digitalisierung ist für die Bundeswehr einer der wenigen zentralen Schwerpunkte. Sie wird von zwei Aspekten dominiert: der Digitalisierung der Prozesse und der Frage, wie wir die Bundeswehr als Hochwertziel im Cyberspace schützen. Cyber ist neben Land, Luft und See zu einer eigenen operativen Domäne für die Bundeswehr geworden. Wir werden uns hier komplett neu aufstellen – organisatorisch, strukturell und auch von der Personalstrategie.

     

    Eine große Herausforderung der Digitalisierung ist es, die Mitarbeiter dafür zu bekommen, insbesondere im öffentlichen Sektor. Wir denken zurzeit darüber nach, wie Menschen anders mit uns arbeiten können, vielleicht auch temporär. Wir verändern zudem unsere Rekrutierungsstrategien. Das tun wir zum Beispiel bereits mit unserer neuen Werbekampagne, die bewusst anders ist. Wir müssen darüber reden, wie wir Menschen temporär zwischen den Sektoren hin- und herbewegen können. Und wir müssen in den Bereichen Cyber- und Informationssicherheit selber ausbilden. Wir werden dafür in der Bundeswehr elf neue Professuren schaffen. Nicht zuletzt geht es aber auch darum, die vorhandenen Mitarbeiter mitzunehmen.

Wir werden das Thema digitale Transformation nicht lösen, indem wir nur noch junge Leute einstellen.

Frank Strauß,
Vorstandsvorsitzender Deutsche Postbank AG

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    Die Digitalisierung ist Chance und Herausforderung in einem. Wir in der Postbank sind dabei, uns neu zu erfinden, unsere Prozesse zu digitalisieren. Dabei ist das Mitnehmen von Menschen ein entscheidender Faktor. Ein partnerschaftliches Vorantreiben der Digitalisierungsthemen mit den Mitarbeitern ist zwingend notwendig. Wir werden auch in fünf oder zehn Jahren Menschen brauchen, die bei Bankdienstleistungen Service oder Beratung anbieten. Und wir werden das Thema digitale Transformation nicht lösen, indem wir nur junge Menschen einstellen, auch wenn das trotzdem sinnvoll ist. Nicht zuletzt müssen wir bei den Mitarbeitern ein Bild davon schaffen, wie der Arbeitsplatz der Zukunft aussieht. Nur dann sind wir in der Lage, mit unseren Mitarbeitern partnerschaftlich in die digitale Transformation zu gehen.

  • Bildnachweise

    Bundesministerium der Verteidigung, Deutsche Telekom AG, Dirk Hansen, iStockphoto (dolgachov, monkeybusinessimages (2), South_agency, Yuri_Arcurs), Postbank, ver.di

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